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»Fluchtgefahr! Als den Rindviechern das Filet ausging«

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Als man Friese endlich ziehen ließ, erzählte er seine Geschichte dem Publizisten Kurt Kowalsky, der aus ihr einen spannenden Tatsachenroman machte.

»Der Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.« 

(Erich Honecker) 

Klaus Friese war kein Dissident. Von Politik verstand er nur wenig. Er war kein Freiheitskämpfer, kein Heiliger, kein Pfarrer. Aber er fragte sich, warum in der damaligen DDR die Rinder kein Filet gaben, warum der betrunkene Parteisekretär ein hohes Ansehen genoss, während man ihn schikanierte, bevormundete und letztendlich einsperrte. Da flüchtete er in den Westen, bereute dies bald darauf, ging zurück und wollte alsbald wieder raus. Gegen derartige Umzugspläne, hatte aber die bewaffneten Paradieswächter eine Menge einzuwenden...

 

Klaus Friese und Kurt Kowalsky:
Fluchtgefahr!
Als den Rindviechern das Filet ausging
©1997, 207 Seiten - 20 x 12,5 cm. - broschiert
 

ISBN-13: 978-3-926396-41-9
ISBN-10: 3-926396-41-5
 

9,72 Euro

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Klaus Friese, Kurt Kowalsky: »Fluchtgefahr!
Als den Rindviechern das Filet ausging«

 

Auszug:

»Ich verstehe Ihre Frage so, daß es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, daß eine solche Absicht besteht. Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«

Der Magaziner war um den Schreibtisch herum gelaufen, hatte sich hinter den Bauleiter gestellt, um - unendlich langsam - eine Bierflasche mit der rechten Hand aufzumachen, während seine linke sich jetzt an der Lehne des Holzstuhles abstützte. Der Mann auf dem Stuhl und hinter der Zeitung blickte unwillig zu dem kleinen Kiebitz mit den abstehenden Ohren nach oben, versuchte, seinen Blick zu treffen, ihn wortlos abzumahnen: vergebens. Der andere las unbekümmert weiter, während seine rechte Hand immer noch die eben servierte Flasche aufzufingern versuchte.

Ein Bauarbeiter stieß von außen an die Tür der Baracke. Polterte erneut dagegen, trat mit dem Fuß, schmiß sich gegen die handbreite Türfüllung aus Holz, so daß die halbblinde Glasscheibe gefährlich erzitterte.

»Ziehen!« Der Polier, der sich neben der Tür, gleich einem Gastwirt hinter ein paar Meter Tresen, verschanzt hatte, hätte sich beinahe das heiße Wasser über die Hände gegossen, mit dessen Hilfe er sich eben einen Kamillentee aufbrühen wollte, so bebte sein mächtiger Körper.

Draußen polterte es erneut gegen die Tür.

»Ziehen! Verdammt!« Der Meister stellte die Kanne mit dem siedenden Wasser auf den Tisch zurück. Drehte seinen beinahe drei Zentner schweren Körper auf der Stelle, schwang sich um das Tresenstück und stürzte sich auf die Barackentür.

»Die sind zu dämlich, eine Tür...« Er drückte die Klinke nach unten und stieß die Tür nach außen auf. Der Bauarbeiter, der sich im selben Augenblick ebenfalls entschieden hatte zu ziehen anstatt zu stoßen, taumelte nach hinten.

»Verflucht!« Er ruderte mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und setzte sich mit Schwung auf den sandigen Boden. »Verdammter Mist!« Fluchend rappelte er sich wieder auf. Durch den Schwung war der Barackenschlag bis an die Wand aufgesprungen, federte rückwärtig ab und knallte zurück ins Schloß, und die dünne Glasscheibe bekam einen kleinen Sprung links im unteren Eck.

Der Polier beschäftigte sich erneut mit seinem Teewasser, schnaubte nochmals, denn es polterte wieder gegen die Tür, dann war es auch dem Maurer gelungen, in die geräumige Bude zu treten.

»Zu blöd, eine Tür aufzumachen, Genosse Brigadier«, schimpfte der Meister mit dem weißen Helm und stellte den Kessel zur Seite. »Ist die Mauer fertig?«

Der Bauleiter hatte seinen Kopf ruhig hinter der Zeitung hochgehoben, blickte jetzt geradeaus in Richtung des Arbeiters, war auf dessen Antwort ebenfalls gespannt. Da äffte der Magaziner im Hintergrund des Architekten Walter Ulbricht nach: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«, und der Schnappverschluß der Bierflasche sprang mit einem leisen Flop nach hinten. Ruckartig ließ sein Vorgesetzter die Zeitung sinken. Der kleine Mann sprang leicht zur Seite, als wolle er einem Tritt ausweichen, machte eine verbeugende Handbewegung Richtung Bierflasche und griff eiligst zu seinem Besen, der seit geraumer Zeit an der Holzwand gelehnt hatte.

»Schnauze, Lothar«, schrie der Kamillenteebrüher im vorderen Teil der Bude.

»Das wird heute nichts mehr.« Der Maurer schielte in Richtung Architektentisch, auf dem die geöffnete Bierflasche noch schwach aus dem Halse rauchte.

»Biene?! Ist der Kasten schon alle?«

Lothar Biene kehrte intensiver und zog den Kopf ein.

»Das ist der Kasten der Bauleitung«, verteidigte der Polier die Halbliterflaschen, »bei euch hat so etwas Schönes doch eine Verdampfungszeit von weniger als fünf Minuten. Was ist jetzt mit der Mauer?«

Der studierte Architekt hatte inzwischen das »Neue Deutschland« zusammengefaltet, griff nun seelenruhig nach seiner Flasche, hob sie gegen das Licht des seitlichen Fensters, nickte zufrieden darüber, keine grünglasige serviert bekommen zu haben, strich mit der Hand über die Öffnung und trank in kräftigen Schlucken den Gerstensaft zur Hälfte aus.

Respektlos und neidisch zeigte der Bauarbeiter mit seiner schwieligen Hand zu dem Architektentisch: »Da hab ich nun gerade einmal zwei Flaschen abbekommen und ihr...«

»Ich gar keine«, versuchte der Polier dieses Gespräch abzuwürgen, da ihm die Mauer wichtiger war.

»...weil du nur Kamillentee säufst.«

»Eben. Was ist nun mit der Mauer, Genosse Brigadier?«

»Ach, leckt mich doch am Arsch. Wir können nicht die Schalung ausbessern, vorne schütten und gleichzeitig da hinten mauern. Wo sind denn die versprochenen fünf Mann Verstärkung, die uns gestern zugesagt wurden?«

»Erzähl hier keine Märchen. Die Schalung war schon vor dem Frühstück fertig.« Der Polier schaute auf die Uhr über der Barackentür. »Jetzt ist es zwölf, und ihr habt wahrscheinlich noch nicht mal angefangen, den ersten Meter hochzuziehen.«

»Weil die Hälfte der Leute so gut mauert wie Biene.«

Der Bauarbeiter griff sich mit beiden Händen hinter die Ohren, um des Magaziners große Segelohren nachzumimen. »Aber wem sag ich das. Du hast dich doch seit dem Frühstück nicht mehr blicken lassen...«

»Weil ich das Elend nicht mit ansehen kann. - Verdammt.« Der Fluch galt dem heißen Tee, und der Polier setzte den steinernen Pott wie elektrisiert ab. »Komm mit!«

Der Dicke griff an seinen Helm und zwängte sich hinter dem Tresen hervor. Aufgerollte Bauzeichnungen knickten widerstrebend zur Seite. »Raus hier.«

Als hinter den beiden Männern die Tür zuschlug, hörte der Mann mit den abstehenden Ohren auf zu kehren und murmelte: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«

Sein Vorgesetzter hinter dem Schreibtisch hatte den Kopf in die linke Hand gebettet, fuhr sich nun mit der Spitze des Mittelfingers verschlafen über das linke Auge, ließ den Kopf schwerer und schräger in der Hand liegen und sagte: »Genosse Proletarier?«

Biene suchte die Kehrschaufel für den Dreck in der Ecke. »Ja, Genosse Architekt, was gibt’s?«

»Kannst du mir nochmals 50 Mark pumpen?«

Der Angesprochene stellte den Besen zurück. »Ost oder West?«

»Frage doch nicht so dumm.«

»Rolf, ich weiß nicht, du schuldest mir bereits über 500 DM. Und alles nur, weil du immer den großen Künstler raushängen lassen willst.«

»Wenn du nicht willst, dann laß es. Ich bin dir nicht böse.«

»Ach, darum geht es doch nicht.« Lothar hatte sich mit einer Pobacke auf den großen Schreibtisch des Architekten gesetzt, seinen Tabak herausgeholt und zu drehen angefangen.

 »Natürlich gebe ich dir das Geld. Nur, es wird immer mehr. Wer weiß, wo du sonst noch überall Schulden hast?«

Rolf schien zu grinsen, beobachtete den Baustellenkalfaktor mit müden Augen und drückte seinen Schädel noch tiefer in die flache Hand.

»Hier verdienst du doch als Bauleiter gutes Geld. Die anderen würden sich alle zehn Finger lecken, säßen sie an deiner Stelle. Man kann nicht nur kreativ sein, man muß auch Geld verdienen.«

Rolf hatte diese Rede schon zigmal gehört. Biene war ein unscheinbarer, aber gewitzter Schieber, der angeblich keinen Beruf erlernt hatte. Rolf nahm ihm das nicht ab: »Du bist eben ein Buchhalter. Und Buchhalter sind Pfennigfuchser und geldgierig.«

»Und du bist ein Verschwender und geltungssüchtig.«

»Ja und? Im Westen...«, der Bauleiter hatte das letzte Wort geflüstert, drehte vorsichtig den Kopf, »...verdiene ich später leicht das Fünffache. Lothar, glaube mir, egal was kommt, ich zahle dir jede teure D-Mark auf Heller und Pfennig zurück.«

Hätte Biene dem Ding in seinem Mund nun kein Feuer gegeben, man hätte nicht vermutet, daß es sich um eine Zigarette handelte. Doch es glimmte auf, qualmte kräftig und stank intensiv. Rolf fuhr sich kratzend durch seinen kurz gestutzten Vollbart, nahm die Zeitung und wedelte den Rauch von sich weg.

»Dein Wort in Gottes Gehörgang. Ich komm heute abend zu Trümmerkutte, dann bringe ich dir das Geld mit.«

Rolf stand auf. »Danke.« Er strich seine dunkelbraune Jacke zurecht und fuhr sich durch das schüttere Haar. Das güldene Abzeichen am Revers glitzerte schmückend. »Heute ist Freitag. Ich muß zur Kreisleitung. Sag dem Polier, daß ich zur Erhöhung seiner materiellen Lebensverhältnisse auf dem Umweg des sinnlosen Schwätzens beitrage.« Die Barackentür aufstoßend, drehte sich der groß gewachsene, gutaussehende Mann nochmals um, lief an seinen Schreibtisch zurück. »Hätte ich beinahe vergessen.« Er schnappte sich mit links die braune Aktentasche samt Zeitung, griff mit der rechten Hand zur Bierflasche und schluckte den Rest des Inhalts hinunter.

Der schwarze 180er Diesel aus Stuttgart brauchte eine Weile, bis er vorgeglüht war, sprang danach aber sofort an. Rolf zog die Lenkradschaltung an, drückte sie nach oben links für den Rückwärtsgang und wendete das Fahrzeug vorsichtig im Baustellendreck.

Lothar stand am seitlichen, offenen Fenster und hob grüßend die Hand. Als der Wagen langsam die Ausfahrt empor fuhr, konnte man sehen, wie sich die Arbeiter auf der Baustelle sammelten und in Richtung ihrer Baubude eilten. Allen voran Genosse Polier.

»Biene, schließ die Bude auf, das Bier wird warm!«

»Sag ich doch: Am Freitag nachmittag baut sowieso keiner eine Mauer«, schmunzelte der Magaziner und beeilte sich, den Kollegen auf halbem Weg entgegenzulaufen.

*

Am Nachmittag dieses 16. Juni 1961 stand auch Fräulein Inge Kaltenbach mit ihren hübschen Beinen im sozialistischen Produktionsprozeß. Mit Mühe versuchte sie eben, den rostigen Stahlrahmen des Fensters zuzudrücken, damit der Riegel sich schließen ließe.

»Pfläumchen, draußen hat es 22 Grad, und ich ersticke hier vor Hitze.«

Die 21jährige haßte diesen Spitznamen, den sie von ihren Kolleginnen bekommen hatte, und giftete zurück: »Du bist ja auch in den Wechseljahren, alte Frau. Ich hol mir hier noch eine Sommergrippe.«

Das Rattern des Produktionsbandes veranlaßte die Frauen, sich anzuschreien, hätten sie es nicht aus Wut sowieso getan. Die kleine, etwa 40jährige Kollegin drückte ihre Brust nach vorn. Der V-förmige Ausschnitt ihrer Kittelschürze weitete sich und ließ den spitzenbesetzten Rand des Unterrocks hervorblitzen. »Bei mir ist noch alles fest. Möchte dich sehen, wenn du in mein Alter kommst.«

»Pah«, schrie die andere, warf ihre langen blonden Haare zurück, riß sich mit beiden Händen ihren karierten Kittel auf und streckte ihre pralle, wohlgeformte Weiblichkeit der Arbeitskollegin entgegen.

Der blütenweiße Büstenhalter wirkte zierlich im Verhältnis zu den beachtlichen Brüsten, die er zu halten hatte.

Die kleine Frau wich erschrocken zurück. Dann schob sie ihre Unterlippe nach vorn und giftete: »Alles Fett! Zieh du erst einmal drei Kinder groß, dann hängen dir deine Milchdrüsen an den Kniescheiben.«

Inge Kaltenbach hatte nicht richtig verstanden, fasziniert schaute sie immer noch auf ihre eigenen Brüste und wiegte dabei leicht ihren Oberkörper zur Seite und wieder zurück.

»Den BH hast du dir wohl im Westen zusammengebumst«, setzte die andere noch eins drauf, während sich zwischenzeitlich die Flaschen auf dem Produktionsband scheppernd anstauten.

»Noch nicht einmal dazu wärst du fähig. Du mußt doch bezahlen, wenn du noch einen abkriegen willst«, schrie Inge. Das aber verstanden jetzt alle sehr gut. Das Produktionsband hatte sich nämlich abgeschaltet, der Stau an seinem Ende war zu groß geworden. In der Halle war es still, jeder schaute zu den beiden Frauen.

Inge erschrak, wurde rot im Gesicht und zog hastig ihren Arbeitskittel zusammen. Doch zu spät. Mit ernster Miene kam der Meister auf die beiden Streithennen zu: »Was ist denn hier los?«

»Die Kaltenbach hat das Fenster zugemacht, weil sie beim Arbeiten friert.«

»Es zieht, und morgen bin ich krank«, rechtfertigte sich die Jüngere.

»Sonderbar, daß es dir nicht durch den Schlitz in deinem Kleid zieht, du Schlampe.«

»Genossin, mäßigen Sie sich«, schlichtete der graumelierte Mann und suchte bei der anderen unverhohlen den vermeintlichen Schlitz in der Kittelschürze. Mit einem Vierkantschlüssel und einer halben Drehung war das Fenster geschlossen.

»Sie sollen zur Parteileitung kommen.«

»Wer? Ich?« fragte Inge ungläubig.

»Ja, Sie«, der Meister winkte den Brigadier herbei. »Hilf der Genossin, Kollegin Kaltenbach muß nach oben.«

Der Brigadier verkniff sich eine Bemerkung und zwinkerte der blonden Frau vielsagend zu. Zu dritt machten sie sich daran, den vollen Stauraum des Bandes zu leeren, nahmen die Flaschen herunter, verschlossen sie und stellten sie auf das andere Band zwecks Etikettierung.

Als Inge Kaltenbach schnippisch den Kopf zurückwarf und aufrecht in ihren Holzsandalen zum Ausgang schritt, schwoll der Lärm in der Halle zu dem üblichen scheppernden Krach an. Das Band der Brauerei war wieder in Betrieb. ...

 

 

 

   
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