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Auszug:
»Ich
verstehe Ihre Frage so, daß es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen,
daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer
aufzurichten. Mir ist nicht bekannt, daß eine solche Absicht besteht. Die
Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau,
und ihre Arbeitskraft wird dafür voll eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine
Mauer zu errichten!«
Der Magaziner war um den
Schreibtisch herum gelaufen, hatte sich hinter den Bauleiter gestellt, um -
unendlich langsam - eine Bierflasche mit der rechten Hand aufzumachen, während
seine linke sich jetzt an der Lehne des Holzstuhles abstützte. Der Mann auf dem
Stuhl und hinter der Zeitung blickte unwillig zu dem kleinen Kiebitz mit den
abstehenden Ohren nach oben, versuchte, seinen Blick zu treffen, ihn wortlos
abzumahnen: vergebens. Der andere las unbekümmert weiter, während seine rechte
Hand immer noch die eben servierte Flasche aufzufingern versuchte.
Ein Bauarbeiter stieß von
außen an die Tür der Baracke. Polterte erneut dagegen, trat mit dem Fuß, schmiß
sich gegen die handbreite Türfüllung aus Holz, so daß die halbblinde Glasscheibe
gefährlich erzitterte.
»Ziehen!« Der Polier, der
sich neben der Tür, gleich einem Gastwirt hinter ein paar Meter Tresen,
verschanzt hatte, hätte sich beinahe das heiße Wasser über die Hände gegossen,
mit dessen Hilfe er sich eben einen Kamillentee aufbrühen wollte, so bebte sein
mächtiger Körper.
Draußen polterte es erneut
gegen die Tür.
»Ziehen! Verdammt!« Der
Meister stellte die Kanne mit dem siedenden Wasser auf den Tisch zurück. Drehte
seinen beinahe drei Zentner schweren Körper auf der Stelle, schwang sich um das
Tresenstück und stürzte sich auf die Barackentür.
»Die sind zu dämlich, eine
Tür...« Er drückte die Klinke nach unten und stieß die Tür nach außen auf. Der
Bauarbeiter, der sich im selben Augenblick ebenfalls entschieden hatte zu ziehen
anstatt zu stoßen, taumelte nach hinten.
»Verflucht!« Er ruderte mit
den Armen, verlor das Gleichgewicht und setzte sich mit Schwung auf den sandigen
Boden. »Verdammter Mist!« Fluchend rappelte er sich wieder auf. Durch den
Schwung war der Barackenschlag bis an die Wand aufgesprungen, federte rückwärtig
ab und knallte zurück ins Schloß, und die dünne Glasscheibe bekam einen kleinen
Sprung links im unteren Eck.
Der Polier beschäftigte sich
erneut mit seinem Teewasser, schnaubte nochmals, denn es polterte wieder gegen
die Tür, dann war es auch dem Maurer gelungen, in die geräumige Bude zu treten.
»Zu blöd, eine Tür
aufzumachen, Genosse Brigadier«, schimpfte der Meister mit dem weißen Helm und
stellte den Kessel zur Seite. »Ist die Mauer fertig?«
Der Bauleiter hatte seinen
Kopf ruhig hinter der Zeitung hochgehoben, blickte jetzt geradeaus in Richtung
des Arbeiters, war auf dessen Antwort ebenfalls gespannt. Da äffte der Magaziner
im Hintergrund des Architekten Walter Ulbricht nach: »Niemand hat die Absicht,
eine Mauer zu errichten!«, und der Schnappverschluß der Bierflasche sprang mit
einem leisen Flop nach hinten. Ruckartig ließ sein Vorgesetzter die Zeitung
sinken. Der kleine Mann sprang leicht zur Seite, als wolle er einem Tritt
ausweichen, machte eine verbeugende Handbewegung Richtung Bierflasche und griff
eiligst zu seinem Besen, der seit geraumer Zeit an der Holzwand gelehnt hatte.
»Schnauze, Lothar«, schrie
der Kamillenteebrüher im vorderen Teil der Bude.
»Das wird heute nichts mehr.«
Der Maurer schielte in Richtung Architektentisch, auf dem die geöffnete
Bierflasche noch schwach aus dem Halse rauchte.
»Biene?! Ist der Kasten schon
alle?«
Lothar Biene kehrte
intensiver und zog den Kopf ein.
»Das ist der Kasten der
Bauleitung«, verteidigte der Polier die Halbliterflaschen, »bei euch hat so
etwas Schönes doch eine Verdampfungszeit von weniger als fünf Minuten. Was ist
jetzt mit der Mauer?«
Der studierte Architekt hatte
inzwischen das »Neue Deutschland« zusammengefaltet, griff nun seelenruhig nach
seiner Flasche, hob sie gegen das Licht des seitlichen Fensters, nickte
zufrieden darüber, keine grünglasige serviert bekommen zu haben, strich mit der
Hand über die Öffnung und trank in kräftigen Schlucken den Gerstensaft zur
Hälfte aus.
Respektlos und neidisch
zeigte der Bauarbeiter mit seiner schwieligen Hand zu dem Architektentisch: »Da
hab ich nun gerade einmal zwei Flaschen abbekommen und ihr...«
»Ich gar keine«, versuchte
der Polier dieses Gespräch abzuwürgen, da ihm die Mauer wichtiger war.
»...weil du nur Kamillentee
säufst.«
»Eben. Was ist nun mit der
Mauer, Genosse Brigadier?«
»Ach, leckt mich doch am
Arsch. Wir können nicht die Schalung ausbessern, vorne schütten und gleichzeitig
da hinten mauern. Wo sind denn die versprochenen fünf Mann Verstärkung, die uns
gestern zugesagt wurden?«
»Erzähl hier keine Märchen.
Die Schalung war schon vor dem Frühstück fertig.« Der Polier schaute auf die Uhr
über der Barackentür. »Jetzt ist es zwölf, und ihr habt wahrscheinlich noch
nicht mal angefangen, den ersten Meter hochzuziehen.«
»Weil die Hälfte der Leute so
gut mauert wie Biene.«
Der Bauarbeiter griff sich
mit beiden Händen hinter die Ohren, um des Magaziners große Segelohren
nachzumimen. »Aber wem sag ich das. Du hast dich doch seit dem Frühstück nicht
mehr blicken lassen...«
»Weil ich das Elend nicht mit
ansehen kann. - Verdammt.« Der Fluch galt dem heißen Tee, und der Polier setzte
den steinernen Pott wie elektrisiert ab. »Komm mit!«
Der Dicke griff an seinen
Helm und zwängte sich hinter dem Tresen hervor. Aufgerollte Bauzeichnungen
knickten widerstrebend zur Seite. »Raus hier.«
Als hinter den beiden Männern
die Tür zuschlug, hörte der Mann mit den abstehenden Ohren auf zu kehren und
murmelte: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!«
Sein Vorgesetzter hinter dem
Schreibtisch hatte den Kopf in die linke Hand gebettet, fuhr sich nun mit der
Spitze des Mittelfingers verschlafen über das linke Auge, ließ den Kopf schwerer
und schräger in der Hand liegen und sagte: »Genosse Proletarier?«
Biene suchte die Kehrschaufel
für den Dreck in der Ecke. »Ja, Genosse Architekt, was gibt’s?«
»Kannst du mir nochmals 50
Mark pumpen?«
Der Angesprochene stellte den
Besen zurück. »Ost oder West?«
»Frage doch nicht so dumm.«
»Rolf, ich weiß nicht, du
schuldest mir bereits über 500 DM. Und alles nur, weil du immer den großen
Künstler raushängen lassen willst.«
»Wenn du nicht willst, dann
laß es. Ich bin dir nicht böse.«
»Ach, darum geht es doch
nicht.« Lothar hatte sich mit einer Pobacke auf den großen Schreibtisch des
Architekten gesetzt, seinen Tabak herausgeholt und zu drehen angefangen.
»Natürlich gebe ich dir das
Geld. Nur, es wird immer mehr. Wer weiß, wo du sonst noch überall Schulden
hast?«
Rolf schien zu grinsen,
beobachtete den Baustellenkalfaktor mit müden Augen und drückte seinen Schädel
noch tiefer in die flache Hand.
»Hier verdienst du doch als
Bauleiter gutes Geld. Die anderen würden sich alle zehn Finger lecken, säßen sie
an deiner Stelle. Man kann nicht nur kreativ sein, man muß auch Geld verdienen.«
Rolf hatte diese Rede schon
zigmal gehört. Biene war ein unscheinbarer, aber gewitzter Schieber, der
angeblich keinen Beruf erlernt hatte. Rolf nahm ihm das nicht ab: »Du bist eben
ein Buchhalter. Und Buchhalter sind Pfennigfuchser und geldgierig.«
»Und du bist ein Verschwender
und geltungssüchtig.«
»Ja und? Im Westen...«, der
Bauleiter hatte das letzte Wort geflüstert, drehte vorsichtig den Kopf,
»...verdiene ich später leicht das Fünffache. Lothar, glaube mir, egal was
kommt, ich zahle dir jede teure D-Mark auf Heller und Pfennig zurück.«
Hätte Biene dem Ding in
seinem Mund nun kein Feuer gegeben, man hätte nicht vermutet, daß es sich um
eine Zigarette handelte. Doch es glimmte auf, qualmte kräftig und stank
intensiv. Rolf fuhr sich kratzend durch seinen kurz gestutzten Vollbart, nahm
die Zeitung und wedelte den Rauch von sich weg.
»Dein Wort in Gottes
Gehörgang. Ich komm heute abend zu Trümmerkutte, dann bringe ich dir das Geld
mit.«
Rolf stand auf. »Danke.« Er
strich seine dunkelbraune Jacke zurecht und fuhr sich durch das schüttere Haar.
Das güldene Abzeichen am Revers glitzerte schmückend. »Heute ist Freitag. Ich
muß zur Kreisleitung. Sag dem Polier, daß ich zur Erhöhung seiner materiellen
Lebensverhältnisse auf dem Umweg des sinnlosen Schwätzens beitrage.« Die
Barackentür aufstoßend, drehte sich der groß gewachsene, gutaussehende Mann
nochmals um, lief an seinen Schreibtisch zurück. »Hätte ich beinahe vergessen.«
Er schnappte sich mit links die braune Aktentasche samt Zeitung, griff mit der
rechten Hand zur Bierflasche und schluckte den Rest des Inhalts hinunter.
Der schwarze 180er Diesel aus
Stuttgart brauchte eine Weile, bis er vorgeglüht war, sprang danach aber sofort
an. Rolf zog die Lenkradschaltung an, drückte sie nach oben links für den
Rückwärtsgang und wendete das Fahrzeug vorsichtig im Baustellendreck.
Lothar stand am seitlichen,
offenen Fenster und hob grüßend die Hand. Als der Wagen langsam die Ausfahrt
empor fuhr, konnte man sehen, wie sich die Arbeiter auf der Baustelle sammelten
und in Richtung ihrer Baubude eilten. Allen voran Genosse Polier.
»Biene, schließ die Bude auf,
das Bier wird warm!«
»Sag ich doch: Am Freitag
nachmittag baut sowieso keiner eine Mauer«, schmunzelte der Magaziner und
beeilte sich, den Kollegen auf halbem Weg entgegenzulaufen.
*
Am
Nachmittag dieses 16. Juni 1961 stand auch Fräulein Inge Kaltenbach mit ihren
hübschen Beinen im sozialistischen Produktionsprozeß. Mit Mühe versuchte sie
eben, den rostigen Stahlrahmen des Fensters zuzudrücken, damit der Riegel sich
schließen ließe.
»Pfläumchen, draußen hat es
22 Grad, und ich ersticke hier vor Hitze.«
Die 21jährige haßte diesen
Spitznamen, den sie von ihren Kolleginnen bekommen hatte, und giftete zurück:
»Du bist ja auch in den Wechseljahren, alte Frau. Ich hol mir hier noch eine
Sommergrippe.«
Das Rattern des
Produktionsbandes veranlaßte die Frauen, sich anzuschreien, hätten sie es nicht
aus Wut sowieso getan. Die kleine, etwa 40jährige Kollegin drückte ihre Brust
nach vorn. Der V-förmige Ausschnitt ihrer Kittelschürze weitete sich und ließ
den spitzenbesetzten Rand des Unterrocks hervorblitzen. »Bei mir ist noch alles
fest. Möchte dich sehen, wenn du in mein Alter kommst.«
»Pah«, schrie die andere,
warf ihre langen blonden Haare zurück, riß sich mit beiden Händen ihren
karierten Kittel auf und streckte ihre pralle, wohlgeformte Weiblichkeit der
Arbeitskollegin entgegen.
Der blütenweiße Büstenhalter
wirkte zierlich im Verhältnis zu den beachtlichen Brüsten, die er zu halten
hatte.
Die kleine Frau wich
erschrocken zurück. Dann schob sie ihre Unterlippe nach vorn und giftete: »Alles
Fett! Zieh du erst einmal drei Kinder groß, dann hängen dir deine Milchdrüsen an
den Kniescheiben.«
Inge Kaltenbach hatte nicht
richtig verstanden, fasziniert schaute sie immer noch auf ihre eigenen Brüste
und wiegte dabei leicht ihren Oberkörper zur Seite und wieder zurück.
»Den BH hast du dir wohl im
Westen zusammengebumst«, setzte die andere noch eins drauf, während sich
zwischenzeitlich die Flaschen auf dem Produktionsband scheppernd anstauten.
»Noch nicht einmal dazu wärst
du fähig. Du mußt doch bezahlen, wenn du noch einen abkriegen willst«, schrie
Inge. Das aber verstanden jetzt alle sehr gut. Das Produktionsband hatte sich
nämlich abgeschaltet, der Stau an seinem Ende war zu groß geworden. In der Halle
war es still, jeder schaute zu den beiden Frauen.
Inge erschrak, wurde rot im
Gesicht und zog hastig ihren Arbeitskittel zusammen. Doch zu spät. Mit ernster
Miene kam der Meister auf die beiden Streithennen zu: »Was ist denn hier los?«
»Die Kaltenbach hat das
Fenster zugemacht, weil sie beim Arbeiten friert.«
»Es zieht, und morgen bin ich
krank«, rechtfertigte sich die Jüngere.
»Sonderbar, daß es dir nicht
durch den Schlitz in deinem Kleid zieht, du Schlampe.«
»Genossin, mäßigen Sie sich«,
schlichtete der graumelierte Mann und suchte bei der anderen unverhohlen den
vermeintlichen Schlitz in der Kittelschürze. Mit einem Vierkantschlüssel und
einer halben Drehung war das Fenster geschlossen.
»Sie sollen zur Parteileitung
kommen.«
»Wer? Ich?« fragte Inge
ungläubig.
»Ja, Sie«, der Meister winkte
den Brigadier herbei. »Hilf der Genossin, Kollegin Kaltenbach muß nach oben.«
Der Brigadier verkniff sich
eine Bemerkung und zwinkerte der blonden Frau vielsagend zu. Zu dritt machten
sie sich daran, den vollen Stauraum des Bandes zu leeren, nahmen die Flaschen
herunter, verschlossen sie und stellten sie auf das andere Band zwecks
Etikettierung.
Als Inge Kaltenbach
schnippisch den Kopf zurückwarf und aufrecht in ihren Holzsandalen zum Ausgang
schritt, schwoll der Lärm in der Halle zu dem üblichen scheppernden Krach an.
Das Band der Brauerei war wieder in Betrieb. ...
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