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B.:
Herr Dr. Eichenberger, nach dem Roman
»Der Siegermacher«, der
sich mit den Machenschaften im Profiradsport beschäftigt,
überraschen Sie jetzt mit einer Geschichte über
Industriespionage. Besteht hier ein Bezug zu Ihrer früheren
Tätigkeit?
Eichenberger: Ja. Ich war jahrelang mit der legalen
Beschaffung von Wirtschaftsinformationen und der Abwehr von
Industriespionage befasst.
B.:
Dann plaudern Sie in diesem Roman sozusagen aus dem
Nähkästchen?
Eichenberger: (lacht) Wahrscheinlich... Was die wirklichen
Spione und deren Auftraggeber noch falsch machen, können sie in
meinem Roman dazulernen. Aber ernsthaft. Der Roman beschreibt
Prinzipien heutiger Industriespionagetätigkeit, aber
selbstverständlich keinen konkreten Fall einer meiner
ehemaligen Mandanten.
B.:
Wenn ich die Struktur richtig erkannt habe, so sitzen die echten
Spione in den Leitungsfunktionen der Unternehmen.
Eichenberger: Das ist nicht zwangsläufig der Fall. Im
ausspionierten Unternehmen sitzen ja nur die handwerklichen
Spione, also die Operateure. Die eigentlichen Auftraggeber
bleiben unsichtbar.
B.:
Sie wollen nicht, dass Ihre Agentenromane in die Ecke der Krimis
gestellt werden?
Eichenberger: Tja, sonderbarerweise behandelt der typische
Kriminalroman Tötungsverbrechen auf hohem sozialen Niveau. Der
Millionär verschwört sich z. B. zum Nachteil seiner Gattin mit
der Krankenschwester, die ursprünglich mit dem Gärtner liiert
war. Dieser wird verdächtigt und eingesperrt. Doch der schlaue
Kriminalkommissar klärt dann den Fall in letzter Minute doch
noch auf...
B.:
Wie im wahren Leben!?
Eichenberger: Im wahren Leben sind Mord, Totschlag, Raub
etc. im unteren sozialen Milieu angesiedelt. Dagegen ist die
Wirtschaftskriminalität sozial sehr hoch angesiedelt und gehört
auch zum wahren Leben. In meinen Romanen geht es um organisierte
Kriminalität, vernetzte Strukturen also, die sich epidemisch
ausbreiten und meist nur mit nachrichtendienstlichen Methoden
bekämpft werden können.
B.:
Bei den Wirtschaftsdelikten müsste so eine unterbezahlte
Putzfrau eigentlich anfällig sein, sich mit etwas
Industriespionage das Salär aufzustocken. Immerhin sind in den
meisten Betrieben die Putzfrauen und Nachtwächter mit einem
Generalschlüssel bewaffnet...
Eichenberger: Generell ist im Bereich der
Wirtschaftsspionage keiner zu klein, Helfer zu sein. Bei den
Haupttätern heißen die Waffen aber nicht Generalschlüssel,
sondern Wissen, Reputation und erschlichenes Vertrauen.
B:
Wie müssen wir uns die Auftraggeber vorstellen?
Eichenberger: Es bedarf im Bereich der Industriespionage
eines potenten Handelspartners, der direkt oder über einen
Hehler tätig wird. Dieser Mittelsmann steht nicht im Halbdunkel
an der Straßenecke oder ist der Nachbar der Putzfrau, sondern
brilliert im 1.000 Dollar-Anzug beim Neujahresempfang des
Industrie- und Handelskammerpräsidenten oder dergleichen.
B.:
Das wird in Ihrem Roman verdeutlicht. Nur wird sich tatsächlich
nicht die CIA um eine Schweizer Maschinenbaufirma kümmern...
Eichenberger: Was glauben Sie, um was die sich kümmert? Um
rumänische Kleinkriminelle, um orientalische Teppichhändler...?
Natürlich hat man den Eindruck, dass derzeit die Bekämpfung des
Terrorismus und der dazugehörenden Finanztransaktionen Vorrang
haben. Die Abschöpfung von Know-how war aber schon immer
originäre Aufgabe des Dienstes und dabei handelt es sich nicht
nur um militärisches Wissen. Die Strukturen, die ich in meinem
Roman aufzeige, existieren real, hier und heute und sind nicht
einfach erfunden...
B.:
Aber Sie müssen doch zugeben, dass ein chinesischer oder
russischer Industriespion wahrscheinlicher ist als ein
amerikanischer.
Eichenberger: Ein chinesischer oder russischer
Industriespion erfüllte eher die in der Gesellschaft vorhandenen
Vorstellungen. Würde man einen chinesischen Küchenhelfer beim
Ablichten eines Risottorezeptes ertappen, stände es morgen in
der Zeitung. Haben aber die eigenen Geheimdienste den dringenden
Verdacht, dass bestimmte Handelsfirmen getarnte
Zweigniederlassungen des CIA sind, so würden die
Staatsanwaltschaften noch nicht einmal ermitteln. Und wenn,
liefen die Ermittlungen ins Leere - wie in meinem Roman.
B.:
Der Täter wird in Ihrem Roman verhaftet...
Eichenberger: In meinem Roman wird der angeheuerte Operateur
verhaftet, der in diesem - fiktiven - Unternehmen die Daten
klaut. Diejenigen, die diese Informationen kaufen, weitergeben
und verwerten, werden noch nicht einmal vernommen.
B.:
Und das ist realistisch oder schriftstellerische Freiheit?
Eichenberger: Das ist die kafkaeske Realität. Sie können
diesen Roman einem Staatsanwalt zur Prüfung geben. Er wird
keine Stelle finden, in der er gegen die eigentlichen
Anstifter, Auftraggeber und Hehler einen Ermittlungsansatz
fände, der von hinreichendem Erfolg wäre. Deshalb schreibe ich
im Epilog sinngemäß, wer glaubt, dass es Firmen wie die in
Frankfurt nicht gäbe oder man darüber etwas in einer Zeitung
lesen müsste, hat immer noch nicht verstanden, wie Geheimdienste
funktionieren.
B.:
Das ist im Grund genommen ungeheuerlich. Und geht man davon aus,
dass Ihr Sir Alec nicht überall sein kann...
Eichenberger: (lacht) ...Sir Alec ist natürlich eine fiktive
Figur. Und wie ich ebenfalls einige Male durchblicken lasse,
wäre es diesem Mastermind ebenfalls nicht möglich gewesen, zu
einem Ermittlungsergebnis zu kommen, hätte sich die Gegenseite
nicht aus anderen Gründen auffällig verhalten. In Wirklichkeit
würden Geheimdienste unterschiedliche Operation nicht personell
verknüpfen.
B.:
Ihre Geschichte in der Geschichte behandelt dann den Schmuggel
von Atomwaffentechnologie. Ein absurdes Theater, das mich am
Schluss köstlich amüsierte. Gibt es hier ebenfalls reale
Parallelen?
Eichenberger: Wenn morgen irgendwo ein paar islamische
Terroristen verhaftet werden, dann gibt es genau zwei
Möglichkeiten. Das Volk will natürlich glauben, dass es ein paar
Bösewichter weniger gebe. Und wir wollen einmal hoffen, dass
dies sehr oft so ist. Die zweite Variante ist die, die ich in
diesem Roman beschreibe...
B.:
Man verhaftet die Eierdiebe?
Eichenberger: Man verhaftet den selbst aufgebauten
Verdächtigen. Beobachtungsdruck nennen dies Psychologen. Paul
Watzlawick hat dies einmal treffend beschrieben. Je höher der
Wert der subjektiven Wahrnehmung eingeschätzt wird, desto
weiter entfernt sich der Beobachter im Zweifel von den
objektiven Tatsachen. Betrachten Sie einmal die Tür zu Ihrer
Wohnung und berücksichtigen Sie dabei die Tatsache, dass ein
professioneller Einbrecher die Fähigkeit besitzt, keine Spuren
zu hinterlassen. Wenn überhaupt, finden Sie deshalb nur leichte
Kratzer in der Nähe des Schließzylinders. Und genau diese
minimalen Spuren werden Sie heute Abend finden. Und befragen Sie
daraufhin Ihren Nachbarn, wird dieser jede diesbezügliche
Beobachtung abstreiten. Klar: Der Typ wird ja nicht zugeben
wollen, dass er mit diesen Einbrechern unter einer Decke
steckt....
B.:
...ich hatte ihn schon immer in Verdacht...
Eichenberger: (lacht) ...in meinem Roman klärt sich das
alles auf. In der Realität ist es denkbar, dass man als
Betroffener eine Menge Glück braucht, um nicht irgendwo auf der
Welt in eine legale oder illegale Untersuchung gezogen zu
werden und über Wochen, Monate, ja, Jahre von Vernehmer zu
Vernehmer gereicht.
B.:
Die Methoden sind nicht fein, wenn ich mich an die Szene auf dem
Flugplatz erinnere...
Eichenberger: Was ich dort beschreibe, ist eine mögliche
Methode, die ein Profi anwendet, um eine Aussage zu erzwingen.
In Afghanistan, dem Irak oder im Nahen Osten verhören meist
keine intelligenten Geheimagenten, sondern irgendwelche kleinen
Apparatschiks. Und irgendein beschränkter Auswerter eines
Geheimdienstes sitzt eine Etage höher und bringt Erfolgsstorys
zu Papier, die er an seine Zentrale weiterleitet. Und
wohlgemerkt, es geht in diesen Fällen nicht um Kernwaffen und
andere existentielle Bedrohungen. Wer zur falschen Zeit am
falschen Ort vielleicht noch das Falsche sagt, hat schon
verloren. Und am Schluss unterschreiben die zufällig
Beschuldigten falsche Geständnisse. Die Geheimdienste sehen
ihre Verdachtsmomente bestätigt und ihren staatserhaltenden
Nutzen nachgewiesen...
B:
...und die Richter?
Eichenberger: Im Rechtsstaat gehen die Geständnisse kaum an
die Richter, da diese ahnen, wie solche Geständnisse zustande
gekommen sind. Statt dessen wird die Absurdität zur geheimen
Verschlusssache erklärt. Die Beweisführung der
Staatsanwaltschaften werden zum mystischen Fingerzeig auf den
unsichtbaren Zeugen hinter dem unsichtbaren Agenten. Und was
nicht ins Bild passt, wird aus der Akte frühzeitig entfernt und geschreddert.
B.:
Gibt es absurde Erkenntnisse?
Eichenberger: Erkenntnis ist eine Folge intelligenter
Informationsverarbeitung. Falsche Informationsverarbeitung führt
zu absurden Verdächtigungen und in Folge zu eben solchen
Ermittlungsergebnissen. Diese Variante habe ich den Lesern
deutlich an die Wand gemalt.
B.:
Zurück zur Industriespionage. Für ein Unternehmen ist die
Gefahr, ausspioniert zu werden größer, als in
Terrorismusverdacht zu geraten.
Eichenberger: Es gibt weniger potentiell interessante
Unternehmen als Reisende, die man auf Grund irgendwelcher
Banalitäten verdächtigen kann. Ein Grenzbereich, da würde ich
also nicht wetten.
B.:
Wie sind Aufklärungsquoten bei Industriespionage?
Eichenberger: Kaum quantifizierbar. Bei der Prophylaxe ist
es wie beim Brandschutz. Sie können nicht sagen, wie viel Brände
verhindert worden sind. Doch die Vorbeugung als auch die
operative Bekämpfung von Industriespionage bleibt erst einmal
Privatsache. Es gibt einen vagen Anfangsverdacht, aber nicht
die Spur eines Beweises. Gleichzeitig zerschlägt jede offene
Ermittlung eine Unmenge an Porzellan. Denken Sie an Korruption,
Diebstahl oder ungetreue Geschäftsführung. Da gibt es
staatlicherseits eine Handvoll Ermittler, die unter
irgendwelchen Aktenbergen versunken sind. Und wenn Sie als
Unternehmenslenker aktiv werden und private Ermittler im eigenen
Unternehmen beauftragen, stehen Sie schnell einmal außerhalb des
Gesetzes oder mindestens im Visier eifriger Datenschützer, auch
wenn Sie lediglich gewählte Telefonnummern des Vorstandskollegen
oder Verwaltungsratsmitglieds mit dem öffentlichen Telefonbuch
abgleichen.
B.:
Das ist vielleicht ein Verstoß gegen die Privatsphäre!?
Eichenberger: Sollte man tatenlos zusehen, bis man auf Grund
von Korruption und Spionage ruiniert ist? Und warum? Weil
bestimmte Datenschutzheilige ihre Existenzberechtigung
nachweisen müssen.
B.:
Herr Dr. Eichenberger, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
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