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Auszug:
Es was einer jener späten
Nachmittage, an denen ein ganz bestimmtes Lächeln in den Gesichtern der
Mallorquiner zu erkennen ist. Die Touristen sind fort, die Insel findet wieder
ihre Ruhe, liest man in ihren Augen.
Es war einer jener frühen Abende
im November, an denen die Hotels schlossen, die Temperaturen kaum mehr über zehn
Grad kletterten und die Souvenirhändler ihre Waren in Kisten packten. Langsam
wie an jedem Tag um diese Zeit schwebte die rote Sonne über Estellencs im Westen
Mallorcas dem Meer entgegen, Als glühende Scheibe saß sie noch eine kleine
Ewigkeit auf den Gipfeln der bizarren Berge. Dann verschwand sie hinter dem
Horizont, um den Himmel in ein zartrosa, dann feuerrotes Licht zu tauchen.
Es war
gegen sechs Uhr, als der Mann aus Estellencs von der Küstenstraße abbog, um den
staubigen Sandweg zu seinem kleinen verwinkelten Steinhaus
oberhalb des alten Dorfes einzuschlagen.
Juan war
erst 53 Jahre alt, doch die Last eines mühevollen Lebens lag schwer auf seinen
Schultern. Viele Jahre lang war er zur See gefahren, hatte die Welt kennen
gelernt und Abenteuer erlebt und er hatte in den Stürmen dieser Jahre viel von
seiner Kraft verbraucht.
Doch nun
war endlich Frieden eingekehrt. Es war eine Ruhe, die sich jeden Herbst wie ein
Mantel über die Insel legte. Und es war auch eine glückliche Stille, die Juan im
tiefsten Innern seines Herzens empfand.
Der
Mann hatte sein Haus, etwa 100 Meter oberhalb von Estellencs, erreicht. Behutsam
stellte er die prall gefüllte Tasche ab, holte eine Flasche Rotwein, Brot und
ein Päckchen mit Fleisch hervor und legte alles auf den Tisch, der auf seiner
Terrasse stand.
Der
Mann mit den ergrauten Haaren und den braunen Augen hob den Kopf, sah sich
suchend um. Seine Blicke wanderten über das Dach und die Wiese bis hin zum
Steinbrunnen, der schon seit sechs Jahren nicht mehr funktionierte. »Wo ist er
bloß?«, fragte sich Juan. »Er müsste doch längst von seinem Ausflug zurück
sein.«
Im
nächsten Moment stand er neben ihm! Neugierig streckte er sein Köpfchen in die
Höhe, schnupperte, dass die Barthaare im Gesicht nur so tanzten. Dann blinzelte
er erwartungsvoll, dass seine gelbgrünen Augen zu Schlitzen wurden – und ließ
sich anschließend verschmust gegen Juans Beine fallen.
Irmchen wusste genau, wann Juan vom Einkaufen zurückkam. Er kannte seine Stimme,
die Bewegungen und Gewohnheiten und das zärtliche Streicheln der rauen Hände.
Irmchen liebte sein Zuhause.
Und
während er seinen gefüllten Futternapf auf die alte, vom Wind ausgedörrte
Terrasse gestellt bekam, erlosch die Sonne von Estellencs langsam im Meer.
Juan
rückte seinen Schaukelstuhl zurecht, streckte die Beine auf einem knorrigen
Pinienholzhocker aus und legte wie fast jeden Abend um diese Zeit seine Hände in
den Schoß, um ein Stündchen zu schlafen und zu träumen. Das war immer das
Zeichen für Irmchen, auf Juans Schoß zu springen, sich einzurollen und ebenfalls
ein kleines Nickerchen zu machen.
»Ach«,
sagte Juan zu seinem geliebten Kater, »was haben wir doch für ein Leben
geführt.« Und dabei streichelte er Irmchens rabenschwarzes Fell.
Irmchen verstand die Worte nicht, aber er empfand, was sie bedeuteten. Zufrieden
leckte der Kater mit dem schwarzen Fell und dem weißen Fleck auf der Brust seine
zerschundenen Pfoten. Überhaupt war Irmchen, der inzwischen dreizehn Jahre alt
war, ein sonderbar zerzaustes Wesen: Die Eckzähne waren abgebrochen, ein Ohr
ausgefranst, der Schwanz doppelt geknickt. Narben zeichneten das Fell, in dem
überall, vor allem aber im Gesicht, silberne Härchen glänzten,
Doch
Irmchen, wenn auch inzwischen schon etwas müde und langsam, war beim besten
Willen kein altes Tier. Seine Muskeln waren noch stark. Seine Reaktionsfähigkeit
war noch fast wie in der Jugend. Das Leben hatte ihn hart gemacht, schlau und
raffiniert. Der Kater beherrschte viele Kunststücke, ahnte, ja witterte drohende
Gefahren, bevor sie überhaupt Gestalt annahmen. Und Irmchen konnte kämpfen und
töten.
Wie oft war er von anderen Tieren angefallen und fast
umgebracht worden. Leben oder sterben, siegen oder verlieren, diese Begriffe
hatten ihn durch sein langes, abenteuerliches Leben immer begleitet.
Es war warm auf Juans Schoß. Und beide - Mann und Kater -
genossen die friedliche Stille, lauschten der rauschenden Musik des Windes, der
mit den Blättern der Olivenbäume und den tausendjährigen Olivenbäumen spielte.
Langsam, ganz langsam fielen Juan und Irmchen die Augen zu.
Es wurde Nacht auf Mallorca. Die Kerze auf dem alten, knorrigen Holztisch
flackerte im Wind. Das Wachs floss tränengleich auf den Tisch, um sofort zu
erstarren. Bald würde die Kerze heruntergebrannt sein und die Flamme erlöschen.
Aber davon merkten Irmchen und Juan nichts mehr. Beide hatten
in ihren Träumen längst die Insel verlassen, um in die Zeit ihrer Jugend
zurückzukehren.
Während Juan noch einmal seine Abenteuer auf See erlebte,
wanderten Irmchens Erinnerungen über Zeit und Raum zurück nach Estellencs - wo
vor dreizehn Jahren in einer alten Scheune alles begann. . .
»Sebastian, Sebastian! Mein Gott, warum hört er nicht?
Sebastian, geh endlich in die Scheune und kümmere dich um die Katzen! «
Laut hallte der Ruf über den kleinen verwinkelten Marktplatz
von Estellencs.
Die Septembersonne schob sich langsam, fast schon ein wenig
mühselig über die Gipfel der Berge am Westrand Mallorcas.
»Sebastian! Jetzt mach doch zu! Räum die Scheune auf. Und
repariere auch gleich die Tür zum Hof. Seit Tagen ist das Scharnier kaputt.«
Marias Stimme klang hart. Die Frau des Bürgermeisters war
eine der wichtigsten Personen in dem kleinen Ort, in dem etwa 250 Menschen
lebten.
Das Dorf, das sich an den Hang eines Berges schmiegte, war
vor etwa 800 Jahren von Arabern gegründet worden so wie viele Orte an der
Westküste Mallorcas. Es gab, bis auf die kleine Pension am Ortseingang, kein
modernes Haus. Die Zeit war stehen geblieben. Irgendwann in der Geschichte der
Insel, so schien es, hatte jemand wohl die Uhren von Estellencs angehalten und
das Dorf in seinen Dornröschenschlaf versetzt.
Die verwinkelten Gassen waren kaum mehr als zwei Meter breit.
Die Häuser aus ockerfarbenem Naturstein, die sich alle ein wenig über die Gassen
beugten, schienen vor der Gegenwart beschützen zu wollen und die offenen Türen
der Häuser, die jedem Besucher signalisierten »Tritt ein, sei willkommen«,
mahnten gleichsam: »Störe nicht den Frieden dieses Hauses.«
Das war Estellencs!
Sebastian hatte die Stimme Marias wohl gehört. Aber was
sollte es. Rennen war unnötig. In Estellencs ging alles viel langsamer
vonstatten. Lustlos schlenderte der Mann über den Marktplatz, lief den
verschlungenen Pfad hinab zum Meer. Die Blätter an den Bäumen hatten erste
zartgelbe Ränder.
Der Wind trug schon einen Hauch von Kälte durch das Tal. Nach
einem Spaziergang von etwa zehn Minuten, anders konnte man Sebastians
Schritttempo wohl kaum bezeichnen, hatte er die alte Scheune erreicht. Die Tür
quietschte und klapperte im Wind. Und alle paar Minuten knallte sie mit voller
Wucht gegen den von Holzwürmern zerfressenen Rahmen.
»Ha! Hab ich dich endlich, dummes Katzenvieh!«
Sebastian machte einen schnellen Schritt vorwärts, trat nach
der Katze und verfehlte sie nur um wenige Zentimeter. Die Katze war schneller
als er. Mit einer geschickten Bewegung wich sie dem Tritt Sebastians aus und
verschwand durch die ächzende Scheunentür. Aufgeregt und ängstlich schaute sie
sich um. Der Schwanz tanzte in der stickigen Luft. Die Barthaare zitterten. Die
Augen schauten nervös hin und her.
Und dann, als sie beruhigt festgestellt hatte, dass Sebastian
wieder fort war und keine Gefahr mehr drohte, verschwand sie unter dem alten
umgestürzten Fuhrwagen in der Ecke der Scheune. Dort lagen sie: übereinander,
untereinander, nebeneinander. Die kleinen Augen meist noch halb geschlossen,
kitzelten sie sich gegenseitig mit den hauchzarten Barthaaren im Gesicht.
Bewegung geriet in den flauschigen Knäuel, als die Mutterkatze ins Versteck
gekrochen kam. Durst und Hunger verspürten die Katzenbabys, die kaum zwei Wochen
alt waren,
Und jedes wollte die Nummer eins sein an der Zitze. Sechs
Katzenkinder lagen Sekunden später am warnen Bauch der Mutter, saugten, als ob
es um den letzten Tropfen Milch ging. Und gierig und zufrieden gleichermaßen
schoben sie ihre winzigen Vorderpfoten in den Bauch der Katzenmutter, übten den
Milchtritt, den Katzen ein Leben lang beibehalten, wenn sie zu früh von der
Mutter weggenommen werden. Proper und süß sahen sie aus mit ihren kleinen,
prallen und milchgefüllten rosa Bäuchen.
Nur ein kleines Kätzchen lag verloren abseits. Es war als
letztes geboren worden. Es war klein und schwächlich und kam
immer zu spät, wenn die Katzenmutter ihre Jungen an den Zitzen naschen ließ.
Nummer sieben hatte die schlechtesten Karten.
Die Natur war hart! Nur die starken Tiere durften überleben.
Und stark war in diesem Fall nur, wer sich seinen Platz an der Zitze erkämpfte.
Auch die Katzenmutter kannte dieses Gesetz. Ganz instinktiv
spürte sie, was über Jahrmillionen die Natur vorschrieb grausam, hart und mit
dem einen Ziel: Nur das Beste und Gesündeste darf überleben! Ja, Nummer sieben
hatte wirklich keine guten Karten bei dem Spiel, es ging um Leben und Tod.
So war die rabenschwarze Katze mit dem kleinen weißen Fleck
auf der Brust auch viel zarter und winziger als ihre Geschwister. Wenn diese
neugierig die ersten Ausflüge unternahmen, die Gegend ums Nest herum erkundeten
- Nummer sieben blieb kraftlos in ihrer Ecke liegen.
Doch nicht nur das!
Hinter dem umgestürzten Wagen war eine kleine Mulde im Boden,
eine Vertiefung, über der ein Brett lag. Hier hatte sich Nummer sieben
eingerollt. Weil es wegen der ungenügenden Ernährung ständig fror, hatte sich
das kleine Kätzchen hier ein kuscheliges Extra-Nest gebaut. Da lag es nun
verlassen und träumte den lieben langen Tag vor sich hin. Es träumte von dicken,
prall gefüllten Zitzen und von Geschwistern, die Platz machen würden, wenn
Nummer sieben käme.
Es war ein wichtiger Tag, als das Schicksal einen anderen
Verlauf nahm, als sich mit einem Schlag alles änderte. Nummer sieben mit dem
schwarzen Fell und dem kleinen weißen Fleck bekam davon zunächst gar nichts mit.
Kurz vor Mittag kam Sebastian wieder in die Scheune
geschlichen. Die Katzenmutter war gerade unterwegs auf Mäusefang. Die Babys
schliefen ahnungslos, als die große, derbe Hand des Knechtes unter den
umgestürzten Wagen griff. Sechsmal packte Sebastian zu, sechsmal holte er ein
Katzenbaby aus dem Versteck, stopfte es in den mitgebrachten Sack. Dann
verschwand er so lautlos, wie er gekommen war.
Als die Katzenmutter wenig später zurückkehrte, fing sie laut
an zu miauen. Die Menschen hatten ihr die Kinder genommen. Verzweifelt
schnupperte und suchte sie in allen Ecken der Scheune. Immer wieder hob sie den
Kopf, hoffte, dass ihre Kinder vielleicht auf den Wagen geklettert waren. Aber
es herrschte tödliche Stille im Raum. Die Kinder waren fort?
Traurig sah sich die Katze im Raum um. Ihre Blicke wanderten
über das Pferdegeschirr an der Wand bis hin zum alten Amboss, auf dem von Zeit
zu Zeit immer wieder mal ein Huf beschlagen wurde. Nichts, einfach nichts! Die
Kinder blieben verschwunden!
An Nummer sieben unter dem durchgetretenen Brett dachte die
Katzenmutter schon gar nicht mehr. Sie hatte es ja auch nie anders erlebt. Jedes
Mal, wenn sie ihre Jungen großziehen wollte, war ein Mensch gekommen, hatte ihr
die Babys fortgenommen, Traurig verließ sie die Scheune und hatte schon bald
vergessen, was passiert war.
Sie würde irgendwann neue Babys haben. So war das nun mal!
Die Natur will, dass die Art erhalten bleibt, nicht das Individuum. Das wusste
die Katze zwar nicht, aber sie fühlte es und handelte danach. Noch einmal
blickte sie sich um, und sekundenlang blieb der Blick aus ihren grünen Augen am
schiefen Scheunentor hängen. Es waren Sekunden des Abschieds und des Neubeginns
zugleich. Dann drehte sie sich wieder um, setzte ihren Weg fort und verschwand
zwischen den Bäumen.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, als die Sonne ihre letzten
Strahlen durch winzige Wandritzen in die Scheune schickte. Wie goldene Fäden
standen sie flimmernd in der staubigen Luft, wanderten langsam über den
strohbedeckten Erdboden. Ein Strahl fiel schließlich in die Bodenmulde und
kitzelte eine kleine Katze mitten im Gesicht.
Nummer sieben erwachte, gähnte, streckte sich, stolperte
unbeholfen aus der kleinen Höhle. Das Kätzchen mit dem schwarzen Fell und dem
weißen Fleck war allein!
Keine Mutter, keine Geschwister und vor allem nichts zu
essen! Da kam sich die kleine Katze aus Estellencs ganz einsam und verlassen
vor.
Und wenn Katzenbabys weinen könnten, dann hätte es jetzt ganz
schrecklich angefangen zu schluchzen. Aber Katzenkinder können keine Tränen
vergießen. Eine Stirne im tiefsten Innern des Herzens begann plötzlich zu
sprechen, ganz leise erst und dann immer deutlicher. Und diese sagte: »Steh auf,
du musst essen, du musst trinken, du musst leben!
Und die kleine Katze, die später den Namen Irmchen bekommen
sollte, fing an, sich zu recken und zu putzen. Schließlich machte sich das
tapsige, verlassene Wollknäuel auf den Weg.
Zum ersten Mal in seinem Leben steckte das Katzenkind seine
schwarze Nase aus der finsteren, unheimlichen Scheune. Dann setzte es vorsichtig
die kleinen schwarzen Pfoten vor die Scheunentür und blinzelte unsicher, aber
auch schrecklich neugierig in den blauen Himmel über Estellencs.
Und dann passierte es: Die Katze sah die erste Fliege ihres
Lebens. Frech surrend tanzte sie ihr um den Kopf, schlug Haken, kehrte zurück
und war einfach nicht zu fangen.
Das verlassene Kätzchen verspürte einen schlimmen Hunger. Die
Fliege, ach die Fliege war ja nur für den hohlen Zahn. Und außerdem war sie
sowieso viel zu flink.
Aber irgendwas musste geschehen!
Alles war neu, überwältigend, furchteinflößend: die Bäume,
deren gewaltige Kronen im Wind rauschten, die Wolken, die am Himmel entlangzogen
und das Dröhnen der Meeresbrandung, das vom Strand und von den Felsklippen nach
Estellencs hochdrang. Der kleinen Katze wurde es bange ums Herz. Am liebsten
wäre sie zurück in ihr enges Versteck gekrochen. Aber da war der quälende
Hunger, der sich ständig meldete und der einfach nicht vergehen wollte.
Das Katzenkind schnupperte an einem Blatt, an einer Blüte,
versuchte, mit der winzigen Pfote einen Käfer zu erhaschen.
Doch Blatt und Blüte machten irgendwie keinen essbaren
Eindruck. Und der Käfer war sofort weg, verschwunden unter einem Stein.
So also ging's nicht! Nichts, aber auch rein gar nichts hatte
die kleine Katze von ihrer Mutter lernen können, die Zeit war viel zu kurz
gewesen. Und außerdem: Das Baby hatte doch gar keinen Anspruch auf eine Zitze
gehabt. Für das Waisenkätzchen hätte auf dieser Welt kein Platz sein sollen.
»Mein Gott, bist du süß! Aber du bist ja ganz abgemagert? Wo
ist denn deine Mama?«
Das Katzenbaby zuckte zusammen: Das war ein Mensch? Und die
bedeuteten nichts Gutes. Der einzige Mensch, den es kannte, war Sebastian. Es
hatte ihn ab und zu beobachtet, wenn er in die Scheune kam, um etwas zu holen.
Und plötzlich stand so ein Wesen direkt vor ihm oder besser über ihm.
Zunächst sah es nur den Schatten, sonst nichts. Dann
verfolgte es den Schatten bis zum Ursprung und stellte fest, zu wem er gehörte:
Carmen beugte sich hinunter, streichelte die kleine schwarze Katze, und das
Häufchen Tier genoss die Berührung. Wie selten war es von seiner Mutter
liebevoll berührt worden! Wie oft hatte es um die Milchzitze kämpfen müssen, um
dann festzustellen: alles leer, alles schon weggetrunken! Und jetzt dieses
Mädchen mit den langen schwarzen Locken!
»Ach, was bist du süß! Möchtest du auf meinen Schoß kommen?«
Das Kätzchen mochte. Bereitwillig ließ es sich hochheben und als es Sekunden
später im Schoß des Mädchens landete, da ließ es zum erste Mal ein Geräusch
hören, das ihm selbst völlig fremd war. Das Findelkind fing leise an zu
schnurren.
Etwa fünf Minuten lang kraulte Carmen ihr neues Spielzeug.
Und schließlich kniff das maunzende Baby die Augen zusammen und bat das
Schicksal, diesen Augenblick doch nie zu Ende gehen zu lassen.
Abschätzend hob Carmen den kleinen abgemagerten Katzenknäuel
in die Höhe, besah ihn von oben bis unten, von vorn und hinten und kam
schließlich zu der Überzeugung: »Wir müssen dir einen Namen geben! Aber
welchen?«
Ihre Puppe brachte Carmen auf die Idee: »Weißt du was, ich
nenne dich wie meine Puppe: Irmchen! Und du bleibst bei mir. Du gehörst jetzt
zur Familie.«
Carmen steckte Irmchen unter den Pulli, so dass nur der
kleine schwarze Kopf heraus sah, und kletterte den Steinweg hinauf zum Haus der
Eltern.
Dort angekommen, rief sie sofort ihren Bruder zu sich: »Sieh
mal, Alessandro, was ich gefunden habe. Ist das Kätzchen nicht süß? Ich habe es
Irmchen getauft so wie meine Puppe.«
»Mein Gott, ist das Vieh abgemagert. Das geht bestimmt ein!«
Alessandro verließ gelangweilt das Zimmer. Was war das schon? Eine Katze. Sie
liefen hier auf Mallorca doch zu Zehntausenden rum. Ungeziefer, Schmarotzer,
nicht besser als Ratten!
Doch Carmen war mit ihrem Liebling schon in einer anderen
Welt. Glücklich setzte sie sich aufs Bett, nahm Irmchen in den Arm und fing an
zu schmusen. Dann gab sie dem Kätzchen eine große Schale voll Milch, und Irmchen
schleckte und schleckte und trank so lange, bis der Bauch kugelrund war. Drei
Wochen etwa wurde Irmchen verwöhnt wie eine Märchenprinzessin. Jeden Tag Milch,
jeden Tag ein Stückchen Fleisch, das Carmen mit einem besonderen Trick
organisierte. Täglich, so gegen Sonnenuntergang, kamen die Gäste aus dem
einzigen winzigen Hotel des Ortes, trafen sich zur obligatorischen Zigarette auf
der Terrasse. Und da brachte Carmen ihr Irmchen hin. Und immer gab es ein paar
Gäste, die ein Herz für Katzen hatten. Manche hoben einfach die Reste auf,
brachten sie vor die Tür. Andere verzichteten auf die Mahlzeit, packten sie
heimlich unter dem Tisch ein und überraschten anschließend die ewig hungrigen
Katzen am Eingang. Hier kam Irmchen auf den Geschmack. Fleisch war eine feine
Sache und obendrein viel leckerer als Milch.
Doch eines Tages war alles anders. Die kleine Pension hatte
geschlossen. Keine Gäste, keine Touristen, kein leckerer Happen Fleisch.
Mit knurrendem Magen trottete Irmchen den Berg hinauf zu
Carmens Haus. »Da bist du ja! Hast du heute nichts bekommen? Komm her. Ich habe
zwei kleine Überraschungen für dich.« Und mit wichtigem Gesicht holte Carmen ein
kleines Katzenhalsband aus ihrer Schürze, band es Irmchen um. In einer winzigen
Messingkapsel steckte ein Stück Papier mit nur drei Worten darauf. Irmchen,
Estellencs, Mallorca - nicht mehr! Carmen drückte den Verschluss fest zu und
setzte das Kätzchen an den Futternapf. Irmchen war jetzt etwa fünf bis sechs
Wochen alt, noch ein verspieltes Kind, das jedoch schon in den ersten
Lebenstagen sowohl Freude als auch Leid hatte kennen lernen müssen.
Dann kam der Tag, der alles veränderte.
Irmchen, frech, neugierig und abenteuerlustig, spielte unten
an der Küstenstraße mit anderen Katzen, als ein Wagen oben auf der Passhöhe um
die Ecke bog. Der schwarze Wirbelwind ahnte keine Gefahr, auch dann nicht, als
der Wagen nur wenige Meter entfernt hielt und ein Mann ausstieg und flüsterte:
»Was bist du für ein süßes Kätzchen. Komm, komm zu mir, ich habe was zu fressen
für dich!«
Irmchen war noch zu unerfahren, um die Gefahr zu erkennen.
Voller Vertrauen hüpfte die Katze auf den Mann zu, der sie mit einem schnellen
Griff hochhob und in einen Gitterkäfig in seinem Wagen warf. Der Mann knallte
die Käfigtür zu mit der Routine eines Menschen, der dies schon öfter getan
hatte. Dann stieg er in den Wagen, nahm auf dem Beifahrersitz Platz, blickte nur
kurz zum Fahrer hinüber und sagte: »Okay, weiter!«
Und während der Wagen hinter der nächsten Biegung verschwand,
saß Irmchen ängstlich in der engen Box, nicht wissend, wo die Fahrt hinging. Der
Wagen hatte bald Valldemossa erreicht, bog dann ab in Richtung Palma. Im Norden
der Stadt, gleich hinter dem Fußballstadion, endete die Fahrt für Irmchen. Der
Mann holte die Katze aus dem Auto, setzte sie zu etwa sechzig anderen Katzen in
einen Zwinger und sagte: »Du bist jetzt im Tierheim. Das ist dein neues
Zuhause.«
Rums! Mit lautem Krachen fiel die windschiefe Tür aus
Maschendraht und Holzlatten ins Schloss. Der Katzenfänger, der Irmchen
mitgenommen hatte, schob von außen den Riegel vor und schlurfte langsam davon.
»Wie viele sind es denn heute?«, fragte eine Stimme aus der
alten Baracke, die nur etwa fünf Meter entfernt stand.
Ohne den Kopf zu heben, antwortete der Mann: »Eine.«
Dann nahm er einen verbeulten Blecheimer und einen Lappen und
verschwand zu den Hundeboxen.
Da saß Irmchen nun, weit weg von Carmen und dem immer
gefüllten Milchnapf, von der Wiese mit den Blumen, von Estellencs und der
Freiheit. Ein tiefes, lang gezogenes Fauchen riss Irmchen aus den Erinnerungen,
holte die Katze zurück in die Wirklichkeit.
Sie drehte sich um, bekam einen Riesenschreck. Da saßen sie,
zerhauen und abgemagert, krank und verlaust. Manche husteten und schnupften.
Anderen fehlte ein Auge, ein Stück vom Ohr oder sogar die Schwanzspitze.
Hier wie auf der ganzen Insel, aber hier eben noch brutaler,
noch unerbittlicher, regierte das Gesetz der Auslese: Die Katzen saßen, hockten,
lagen apathisch im Käfig. Und so manche, das konnte man ahnen, hatte schon mal
die Sonnenseite des Lebens kennen gelernt.
Da war die junge Katzenmutter, die erst vor kurzem mit ihren
drei schwarz-weiß gefärbten Jungen gebracht worden war. Ängstlich verkrochen
sich alle vier in einem zerfledderten Korb in der Ecke. Da gab es ein Baby, ein
kleine weiße Katzenfee aus Cala Ratjada. Träumend saß sie auf einem kleinen
Vorsprung, blickte tagein, tagaus in die Ferne, hoffte, dass irgendwann sie
jemand befreien und erlösen würde.
Eine der schönsten war Rosita! Sie hatte ein
schwarz-weiß-rotbraun getöntes Fell. Und sie hatte von allen Katzen die
traurigsten Augen. Acht Jahre hatte Rosita auf einem Rittergut in der Nähe von
Puerto de Soller im Nordwesten der Insel gelebt, mit Freunden und mit einer
Familie, die sie über alles liebte. Doch dann hatte der Patron plötzlich
angefangen zu toben. Keiner wusste, warum.
Ein Patron in Spanien hat fast die Macht eines Königs. Und so
forderte er eines Tages: »Rosita kommt weg oder ich schlage sie tot! «
Schweren Herzens brachten die Kinder ihre Katze ins Tierheim,
besuchten sie dort jede Woche. Und immer musste die Katze mit dem schönen Fell
und den traurigen Augen zurückbleiben, wenn die Familie nach einem Besuch wieder
ging, und sie verstand nicht, warum.
Das Tierheim Centro Canino von Palma im Norden der Stadt war
ein Kreuzweg der traurigen Schicksale. Und trotzdem: Die Tiere hatten es hier
noch relativ gut. Sie bekamen ihr Futter, sie hatten eine Bleibe, sie hatten nur
eines nicht: eine Zukunft!
Jane Reynolds, die Chefin des Heimes, eine 85-jährige
Engländerin, die vor 34 Jahren mit ihrem Mann nach Mallorca gezogen war, tat ihr
Bestes. Mit ihren Freunden sammelte sie auf der Insel die herrenlosen Tiere ein
oder holte sie in den Hotels ab, wenn von dort ein Notruf eingegangen war.
Auch Jane wusste, dass die Katzen und Hunde im Heim kaum eine
Chance hatten, ein besseres Leben zu führen. Manche blieben ihr Leben lang hier,
hofften eine Ewigkeit auf Rettung, auf einen liebenden Menschen, der sie
erlöste.
Ja, ab und an kamen ein paar verrückte Touristen, sie
brachten Geld oder Futter. Sie setzten sich zu den Tieren in die Boxen,
streichelten sie, nahmen auch mal Tiere mit in die Heimat. Aber das waren die
Ausnahmen. Und darauf konnte Irmchen nicht hoffen.
Im Gegenteil: Sie musste, obwohl noch ein Kind, die rauen
Gesetze der Natur lernen: Friß oder verhungere! Kämpfe oder stirb! Aber mit dem
Fressen war das gar nicht so einfach. Um die Futterschale, so groß wie ein
Waschbottich, lagen mindestens zwölf Katzen herum. Und jede passte auf, dass
keine andere zu nahe kam und ein Neuankömmling schon erst recht nicht. Der hatte
sich weit hinten anzustellen. Irmchen lernte den Begriff Rangordnung kennen. Und
sie wusste genau, ihr Platz war ganz am Ende.
Irmchens Schicksal schien besiegelt. Aus diesem Tierheim gab
es kein Entkommen. Was hatte das kleine Katzenkind schon vom Leben zu erwarten:
Hunger, Durst, Angst und obendrein die Prügel und Hiebe anderer Katzen, die
keine Rücksicht darauf nahmen, dass Irmchen noch nicht einmal erwachsen war.
Traurig blickte Irmchen am Gitter empor, sah das
ausgeblichene grüne Plastikdach, erkannte durch einen Spalt den blauen Himmel
darüber. Nein! Eine Flucht aus diesem Käfig war unmöglich!
Irmchen verkroch sich entmutigt in eine Ecke, machte die
Augen zu und fragte sich, warum das Leben nur so trostlos war.
Plötzlich spürte sie eine zarte Berührung. Die kleine Katze
wurde aus ihren Träumen gerissen, öffnete die Augen.
Vor ihr stand ein riesiger grau-weißer Kater, der ihre kleine
schwarze Nase sanft mit seiner großen rosafarbenen stupste.
Blödi, so wurde der Kater von Jane genannt, war der Herkules
des Tierheims. Er war größer als mancher Hund, hatte Muskeln aus Eisen und einen
Gesichtsausdruck wie ein süßer kleiner Schwachkopf.
Der Tierfänger hatte ihn aus der Rumpelkammer eines Hotels
abgeholt und ins Tierheim gebracht. Hier lebte er nun seit fast einem Jahr und
hatte nur ein Interesse: fressen, fressen, fressen! Obwohl er so kräftig und
gewaltig war, hatte Blödi selbst noch das Gemüt eines Katzenkindes und war im
tiefsten Innern seines Herzens zaghaft, schüchtern und ängstlich. Blödi sah
Irmchen, und sofort hatte er das Gefühl: Um dieses hilflose Etwas musst du dich
kümmern.
Nachdem die beiden Tiere sich vorsichtig begrüßt hatten,
vergingen nur wenige Minuten, und schon hatten sie Freundschaft geschlossen.
Es wurde Abend. Und als die Sonne hinter den Häusern
verschwunden war und die Sterne am Himmel funkelten, da wurde Irmchen noch
trauriger. Die Kälte kroch ihr in die Knochen und der Schmerz der Einsamkeit
fraß sich in ihr Herz. Es war zu kalt für ein Katzenkind, das sich nicht an das
wärmende Fell seiner Mutter kuscheln konnte. Die Menschen, sie lagen jetzt in
ihren Betten, hatten die Öfen an, mussten nicht frieren. Aber die Katzen im
Centro Canino?
Überall in den Ecken hörte Irmchen kranke Katzen schniefen
und husten. Der Katzenschnupfen war überall.
Doch während die Katzen anderer Länder starben, überlebten
viele Katzen Mallorcas diese schlimme Krankheit. Sie hatten genügend
Abwehrkräfte aufgebaut. Aber wozu überleben?
Ob Baby, Blödi, Rosita und nun auch Irmchen: Welchen Sinn
hatte dieses Leben hinter Gefängnismauern? Und welchen Sinn hatte es außerhalb
der Mauern? Dort wurden sie gehetzt und gejagt. Sie wurden getreten, gefoltert,
totgefahren, gegen Wände geschlagen, vergiftet und auf den Müll geworfen.
Die Katzen Mallorcas: Sie litten wie alle gequälten Kreaturen
dieser Welt. Schon lange waren die Tiere hier und anderswo nicht mehr Partner
der Menschen. Sie waren die Sklaven der Gegenwart, wurden geschändet und
ausgerottet, hatten keine, aber auch gar keine Chance auf ein glückliches Leben.
Der Mond warf lange dunkle Schatten über das Tierheim im
Norden von Palma de Mallorca, als Blödi ganz langsam zu Irmchen gekrochen kam.
Schlaftrunken hob die kleine Katze den Kopf, als plötzlich der süße Geruch von
Futter in ihre Nase zog. Blödi setzte sich vor Irmchen hin und ließ ein Stück
Fleisch aus dem Maul plumpsen, stupste es mit der Nase einige Zentimeter über
den Boden. Und wäre Irmchen ein Mensch gewesen, sie hätte Blödi vor Freude und
Dankbarkeit einen dicken Kuss gegeben.
Aber da Irmchen eine kleine Katze war, berührte ihre Nase nur
ganz kurz die Nase des Riesenkaters. Und wie ein Vater saß Blödi neben seinem
Schützling, als er genüsslich den Fleischbrocken verdrückte. Ein bisschen
weniger traurig, ein bisschen weniger verzweifelt kuschelte sich Irmchen ein in
ihrer trostlosen Ecke und wurde entführt in einen schönen Traum. Das Katzenkind
träumte von Wiesen und Olivenhainen, spielte mit Carmen, lag im Hof und genoss
paradiesisches Nichtstun.
Doch der nächste Tag brach an, und es folgte für Irmchen eine
weitere Lektion auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Wenn sie überleben wollte, musste sie sich durchsetzen. Und
Irmchen lernte! Sie erfuhr, wer die richtigen Freunde waren. Sie bekam heraus,
wie sie dem Pfleger ums Bein schnurren musste, um eine Extra-Portion zu
erwischen. Sie lernte aber auch, wann sie sich zurückhalten musste. Und
Zurückhaltung war dann geboten, wenn Rudolfo, der große getigerte Kater, mit
seinem fünfköpfigen Gefolge zum Futternapf schritt. Dann mussten sich alle
davonstehlen, durften Platz nehmen auf der Galerie der Ängste.
Ja, Irmchen wurde erwachsen, viel schneller als jede andere
Katze ihres Alters. Und: Irmchen entwickelte einen unbändigen Lebenswillen. Sie
wollte raus aus dem Zwinger, der sie irgendwann umbringen würde. Aber wie?
Fast ein halbes Jahr lang lebte Irmchen im Centro Canino. Und
fast jeden Tag bog der Wagen der Tierfänger von der Calle Jesus in den staubigen
Sandweg, der hinter dem Fußballstadion endete.
Irmchen hatte sich schon fast damit abgefunden, das ganze
Leben hier zu verbringen. Mit Freundin Ginger, der kleinen rotbraunen Katze, und
Blauäuglein, der jungen Siamkatze mit den zertrümmerten Hinterläufen, saß sie
tagein, tagaus in einem alten, halb kaputten Katzenkorb, den irgendein
Tierfreund gespendet hatte.
Überhaupt mühten sich Jane und ihre Freundinnen im eisern
endlosen Kampf um ihre Katzen und Hunde. Sie veranstalteten Basare, sammelten
alte Kleidungsstücke, ließen sich von Fleischern und Bäckern Reste geben, die
sie an ihre Tiere verfütterten. Dann, jedes Jahr zu Weihnachten, schrieb Jane
Briefe an Tierfreunde in aller Welt mit der Bitte um eine Spende. Von dem, was
gegeben wurde, mussten die Tiere leben. Wehe, das zarte Rinnsal würde eines
Tages versiegen.
Irmchen verlor langsam den Lebensmut. Das Fell wurde
struppig. Überall, an den Augen, auf dem Rücken, ja sogar auf der Nase zeugten
blutige Kratzer von schlimmen Raufereien. Freiheit, das war es, wonach Irmchen
sich sehnte. Und der Wunsch wurde immer stärker.
Dann kam die letzte Nacht im Centro Canino. Es war kühl in
dieser Nacht im Mai. Die Katzen kuschelten sich aneinander, träumten wie so oft
von einer besseren Welt. Irmchen war noch wach, versuchte, durch das Plastikdach
die Sterne zu sehen. Vergeblich! Plötzlich waren von weitem Stimmen zu hören,
Männer kamen den Sandweg von der Calle Jesus herunter. Einige Katzen reckten
ihre Köpfe nach oben, lauschten, wer sie da im Schlaf stören würde.
Und bruchstückhaft fing Irmchen, die ganz dicht bei dem
Gittertor lag, Satzfetzen auf. »Diese blöden Viecher müssen weg! Gib mir mal die
Kneifzange. Wir werden das schon machen! «
Irmchen bekam Angst. Ein unbestimmtes Gefühl, dass gleich
etwas passieren würde, kroch in ihr hoch. Die Muskeln spannten sich. Sie machte
die Ohren so spitz wie noch nie im Leben und legte sich gleichzeitig ganz flach
auf den Boden.
Die drei Männer machten sich am Zaun zu schaffen. Ganz leise
hörten die Katzen ein dumpfes Knack, Knack, Knack - immer wieder. Mit der
Kneifzange schnitten die Männer den Maschendrahtzaun auf. Es dauerte nur
Minuten, dann klaffte ein etwa ein Meter hohes Loch im Zaun.
Sekunden später standen die Männer auf dem Gelände des
Tierheims, öffneten mit einem flinken Handgriff die Zwingertür: »Husch, ihr
blöden Viecher, macht, dass ihr rauskommt! Weg mit euch! Verschwindet!«
Und während die Männer lachend und lärmend durch das
Katzengehege tobten, mit den Händen klatschten und Schlafkörbe und Fressnäpfe
durch die Luft wirbelten, rannten die Katzen wild kreischend und fauchend im
Kreis. Rudolfo, der König vom Centro Canino, ging sofort zum Angriff über,
sprang einem der Eindringlinge ins Gesicht, zerfetzte ihm die Haut. Blödi
schnappte sich den zweiten Mann, sprang ihm aus der Dunkelheit von hinten direkt
auf den Kopf, krallte sich mit seinen scharfen Klauen so sehr in der Haut des
Mannes fest, dass dieser vor Schmerz taumelte und der Länge nach in ein
Katzenklo fiel.
Irmchen fühlte einen unbändigen Kampfgeist in sich
aufsteigen, wollte sich todesmutig den dritten Eindringling schnappen.
Am Zaun nahm sie Anlauf, stürzte sich auf den letzten Mann,
schlug ihm die winzigen Zähne in die Wade. Nichts passierte! Verwegen biss der
kleine Held zu, wieder und wieder. Doch die Zähne waren noch eine unbrauchbare
Waffe. Bei der dritten ergebnislosen Attacke beugte sich der Mann hinunter,
packte den übermütigen Angreifer: »So, du kleiner Bastard, jetzt werden wir dich
mal mit dem Kopf gegen die Wand klatschten und dir dein überflüssiges
Lebenslicht ausblasen!«
Der Einbrecher nahm Schwung, holte weit aus. Irmchen
schwanden die Sinne. Und wie eine Stahlfeder schoss der Arm des Mannes vor, die
Katze im Würgegriff. Unaufhaltsam raste ihr kleiner schwarzer Kopf der weiß
getünchten Mauer entgegen.
Da! Mit einem gurgelnden Schrei hielt der Mann plötzlich
inne, ließ Irmchen im letzten Augenblick fallen. Sogleich stürzte auch er zu
Boden, krümmte sich zwischen Futterschalen und brüllte, als hätte sein letztes
Stündlein geschlagen.
Irmchen staunte über die wundersame Rettung. Und dann
entdeckte sie den Grund für das abrupte Ende ihres Todesfluges: Blödi kam
langsam mit blutverschmiertem Maul aus dem Hosenbein des Mannes gekrochen. Der
Herkules des Tierheims hatte den Mann an seiner empfindlichsten Stelle gepackt
und Irmchen damit das Leben gerettet.
Jetzt hieß es nur noch: raus hier! Rette sich, wer kann! Alle
Katzen schossen auf das Tor zu, purzelten über- und untereinander, fauchten,
kratzten, kreischten. Nur raus, raus, raus! Raus in die Freiheit!
Die Männer hatten erreicht, was sie wollten. Wenn die Katzen
erst fort waren, konnten sie das Grundstück bestimmt für wenig Geld von Jane
kaufen und später einen Supermarkt darauf setzen.
Auch Irmchen rannte, wie von tausend Teufeln gejagt den
Sandweg hinauf. Blödi versuchte noch zu warnen: Sei vorsichtig, da ist die
Autobahn, schoss es durch seinen Kopf. Die kleine Katze hielt inne, als hätte
sie die Gedanken des großen Freundes verstanden, drehte sich noch einmal um. Und
ein letztes Mal blickten sich die beiden Tiere in die Augen. Noch einmal leckte
der Kater Irmchen zärtlich den Nacken, und der kleine Raufbold fing an zu
schnurren, legte liebevoll seine schwarzen Pfoten auf Blödis Kopf.
Die Tiere nahmen Abschied voneinander. Sie waren die besten
Freunde geworden, der eine war für den anderen immer da gewesen. Das hatte
zusammengeschweißt. Und nun die Trennung! Es sollte, aber das wussten beide
nicht, noch einmal ein Wiedersehen geben. Doch bis dahin würden viele Jahre ins
Land gehen.
Blödi war gerade in der Dunkelheit verschwunden, als auch
Irmchen sich auf den Weg machte. Mit Anlauf sauste die Katze über die Straße, um
Haaresbreite zwischen laut hupenden Autos hindurch. Alles war fremd, dunkel,
angsteinflößend. Überall donnerten die Wagen über den Asphalt. Irmchen sah nur
qualmende Auspuffrohre, drehende Radkappen und grell leuchtende Scheinwerfer.
Ganz oben, in weiter Ferne, nahm sie die wechselnden Farben der Ampellichter
wahr, sah, wenn sie ihren Hals reckte, die bunten Neonröhren der
Reklameschilder. Keine Ruhe, keine Stille der Nacht, kein funkelnder
Sternenhimmel wie in Estellencs!
Irmchen fühlte Panik aufsteigen: Was war bloß los? Wo war
sie? Warum war hier alles so laut?
Der Ausreißer achtete auf nichts mehr, war völlig
durcheinander, als schon wieder etwas passierte. Ein Fußgänger versetzte Irmchen
einen so gewaltigen Tritt, dass sie im hohen Bogen auf die Straße flog. Ein
Autofahrer konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Reifen quietschten, qualmten,
erfassten das Kätzchen mit voller Wucht. Meterweit schleuderte Irmchen durch die
Luft, blieb schwer verletzt im Rinnstein liegen. Blut sickerte aus der Nase. Am
Rücken klaffte eine tiefe, etwa sechs Zentimeter lange Wunde.
Eine junge Frau beugte sich über das schwarze
blutverschmierte Etwas. »Oh, mein Gott!« Doch ein Mann riss die Frau sofort
zurück: »Sie ist tot, lass sie liegen! Die nimmt morgen die Müllabfuhr mit.«
Aber das hörte Irmchen schon nicht mehr. Mit dem Aufprall war
es Nacht um sie geworden. Was folgte, war der Sturz in ein tiefes schwarzes
Loch, an dessen Ende es wieder hell und warm wurde. Dann war alles vorbei!
Weinend saß Jane am nächsten Morgen in der Küche des
Tierheims, überall umgestürzte Fressnäpfe und Wasserschüsseln. Aber keine Katze
weit und breit. Jane konnte ihre Tränen nicht zurückhalten: »Wer hat das nur
getan? Wer bringt so etwas fertig?«
Die Sonne kletterte langsam über die Häuser von Palma, als
Irmchen aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte. Der ganze Körper tat höllisch weh.
Der Kopf war blutverkrustet, der aufgerissene Rücken schmerzte fürchterlich. Die
rechte Hinterpfote war schwer verletzt. Irmchen versuchte, den Kopf zu heben.
Aber das war unmöglich. Und obendrein hatte sie noch einen schrecklichen Durst.
»Sieh mal die Katze da!«
Zwei Schulmädchen hatten Irmchen entdeckt. »Mein Gott! Wie
sieht denn die aus?«
Offensichtlich hatten sie den Schulunterricht gerade hinter
sich und waren auf dem Heimweg, als sie Irmchen im Rinnstein fanden. Die Mädchen
kamen näher, sahen sich das Elend aus der Nähe an: »Die können wir doch hier
nicht liegen lassen«, sagte eines der Mädchen, zog seinen Pulli aus und wickelte
Irmchen darin ein. Der kleine Ausreißer wurde sofort wieder bewusstlos vor
Schmerzen. Doch nach wenigen Minuten schon kam die kleine Katze wieder zu sich,
versuchte, die Lage zu erkunden.
Jeder Schritt, jede Bewegung bedeutete für Irmchen
Höllenqualen. Alles im Körper tat weh. Ja selbst die Atemzüge schmerzten. Nach
etwa zwanzig Minuten waren die Mädchen an einem verfallenen Ruinengrundstück
nahe dem großen Platz in der alten Palma-City angelangt. Überall lag Unrat,
Gestrüpp wucherte aus bröckelnden Mauerritzen. Es roch nach Verfaultem, vor
allem am Mittag, wenn die Sonne auf den Bergen von Müll ihre Hitze entfaltete.
Die beiden Mädchen, die ihr verletztes Findelkind nicht mit
nach Hause nehmen konnten, legten Irmchen am Rande der Müllhalde in den
Schatten: »Wir kommen morgen wieder und bringen dir was zu essen.«
Dann verschwanden sie.
Wäre die Katze ein Menschenkind gewesen, sie hätte bestimmt
laut geweint: Der Magen knurrte, der Körper war geschwollen, der Durst war
unerträglich. Schlimmer konnte es kaum noch kommen.
»He, kleiner schwarzer Teufel. Was haben sie denn mit dir
gemacht?« Eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren, einem goldfarbenen Kleid
und hochhackigen Schuhen beugte sich zu Irmchen hinab.
Ängstlich zuckte die Katze zusammen. Ein Schmerz jagte durch
den abgezehrten Körper, als die Frau ihre Hand ausstreckte, um Irmchen das Fell
zu kraulen: »Oh, mein Gott, du blutest ja!«
Lilo, so hieß die Frau, zog die Hand sofort zurück. »Was ist
denn bloß passiert?«
Irmchen hatte kaum noch Kraft im Körper. Die schlechte
Ernährung der letzten Wochen, der ewig nasse Zwinger im Tierheim, der ständige
Kampf ums Futter, all das hatte die Katze krank und müde gemacht. Und dann der
Unfall!
Irmchen spürte den nahenden Tod. Das schwarze Fell war stumpf
und zerzaust. Die Lebenskraft war am Versiegen. Aber Irmchen hatte einen starken
Lebenswillen und wollte nicht sterben.
Mit großer Mühe raffte sie sich auf, taumelte langsam auf
Lilo zu. Viel zu wenig Liebe hatte sie in der kurzen Spanne ihres Lebens
bekommen, kaum Zärtlichkeiten, weder Wärme noch Zuneigung. Doch Irmchen spürte,
dass Lilo Katzen mochte, dass sie helfen wollte.
»Ich komme gleich wieder«, flüsterte Lilo und verschwand in
der dunklen, engen Gasse.
Irmchen war in einer schlimmen Gegend von Palma gelandet.
Hier trafen sich nach Sonnenuntergang die Liebesmädchen und die Matrosen, deren
Schiffe im Hafen vor Anker lagen. Es roch nach Alkohol und Unrat, ölig
zubereiteten Mahlzeiten und Urin. Wer hier in der Altstadt zwischen Müll und
schummerig roten Laternen an eine Tür klopfte, der hörte nur das Lachen der
Mädchen und das Quieken der Ratten, die über das Kopfsteinpflaster huschten.
Vergeblich versuchte Irmchen, sich die Pfoten zu lecken. Sie hatte einen
ausgetrockneten, brennenden Rachen und das Gefühl, im Körper sei kein einziger
Knochen heil.
»So, da bin ich wieder!« Zehn Minuten etwa waren vergangen,
da stand Lilo mit einer Schale Milch und einem Teller voller Kartoffeln in Soße
vor ihr. Der Duft zog wie ein Parfüm in Irmchens Nase. Das musste das Paradies
sein!
Irmchen öffnete ihr kleines Maul und angelte den ersten
Bissen. Ach, wie gut konnten Kartoffeln schmecken!
Lilo hockte sich daneben, breitete eine alte Zeitung aus,
stellte den gefüllten Teller darauf. Zitternd kroch Irmchen an den Futterplatz,
der noch nie im Leben so liebevoll für sie gedeckt worden war - und genoss jeden
Happen. Satt, kugelrund und mit einem zufriedenen Katzenseufzer schlief sie
schließlich ein.
Lilo erhob sich vorsichtig und ganz leise und schlich davon.
Sie hatte Tränen in den Augen, weil die kleine Katze ihr so
Leid tat, aber auch, weil ihr eigenes Leben so sinnlos und leer war. Lilo, die
ihren Körper an Matrosen verkaufte, kannte die Spielregeln. Keinem wird etwas
geschenkt. Man muss es sich nehmen. Aber warum haben manche Menschen mehr Glück
im Leben? Und was haben jene wohl verbrochen, die immer wieder auf die Schnauze
fallen?
Während Lilo ihren Gedanken nachhing, war sie an einem
kleinen verwinkelten Eckhaus angelangt.
»Wo warst du Schlampe so lange? Die Kunden warten! Ich werde
dich grün und blau prügeln, wenn du zwischendurch einfach abhaust«, donnerte
eine Männerstimme vom Balkon.
Bevor Lilo hinter der grünen Holztür verschwand, blickte sie
noch einmal die Straße hinunter und dachte dabei an Irmchen: Jetzt habe ich
jemanden zum Liebhaben, dem es genauso schlecht geht wie mir.
Jeden Tag kam Lilo zu Irmchen, brachte ihr Futter und Milch.
Es dauerte kaum zwei Wochen, da hatte sich die kleine Katze aus Estellencs von
den Folgen des Unfalls erholt. Doch dann begann eine neue Plage: Erst am Kopf,
an den Ohren - schließlich befiel sie den ganzen Körper. Durch den Dreck, in dem
Irmchen leben musste, war sie ein Opfer von Flöhen, Milben und einem quälenden
Hautpilz geworden. Nach wenigen Tagen war fast der ganze Körper erkrankt. An den
Augen, auf dem Rücken, an Schwanz und Pfoten, überall hatte sich eine
millimeterdicke Schuppenschicht gebildet. Irmchen konnte kaum noch sehen. Die
Nase war fast zu, das Fell ging aus. Die Sonne brannte wie Feuer auf der
entzündeten Haut. Und verkroch sich Irmchen unter einem Müllhaufen, dann drang
ihr der beiliegende Gestank in die Nase. Sie dachte an Weglaufen. Aber wohin?
Außerdem war da Lilo, die sie so sehr liebte.
Dann plötzlich kam die Freundin nicht mehr. Ungeduldig
wartete Irmchen den ganzen Tag, einen zweiten, einen dritten. Von Lilo keine
Spur! Die kranke Katze wusste nicht, was los war. Hatte ihr Mensch sie
vergessen?
Traurig saß Irmchen auf dem alten zerfledderten Stück
Zeitungspapier. Die Krankheit hatte den Körper in einen hässlichen Panzer
verwandelt. Die Touristen, die vorbeikamen, machten einen großen Bogen um
Irmchen, Mütter nahmen ihre Kinder an die Hand: »Pfui, fass das Vieh nicht an!
Es ist krank! Es stirbt sowieso bald!«
Die kleine Katze sah Lilo nie wieder. Der Mann, der Lilo vom
Balkon herab angebrüllt hatte, war Schuld daran. Er hatte sie eines Abends, als
sie von Irmchen kam, die Treppe hinuntergeprügelt. Mit schweren Kopf- und
Rückenverletzungen war sie ins Krankenhaus eingeliefert worden. Als die Freundin
nach fast einem halben Jahr das Krankenhaus verlassen konnte, erinnerten nur
noch die beiden leeren Fressnäpfchen an das Kätzchen.
Irmchen war schon etwa zehn Tage krank und ohne Hoffnung auf
Hilfe, als wieder ein Mensch ihren Weg kreuzte. Das kleine Häuflein Katze lag
neben einer achtlos weggeworfenen Wurst, als es die tiefe, wohlklingende Stimme
eines Mannes hörte: »Na, das ist aber interessant! Du hast ja eine Krankheit,
die es hier auf der Insel normalerweise nicht gibt.«
Die Stimme gehörte zu Dr. Raffaelo Portas, der Veterinario,
Tierarzt, in Manacor war. Der Mann nahm die Katze auf den Arm, hob sie hoch,
besah sie von allen Seiten. »Ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich! Du kommst mit in
meine Praxis.«
Irmchen hatte kaum Zeit, Abschied von ihrer Müllhalde
zwischen den beiden alten Häusern zu nehmen. So schnell ging alles.
Dr. Portas wickelte das Findelkind in ein Handtuch, das er
eben für seine Frau gekauft hatte, und lief mit seinem Patienten zum Auto.
Ängstlich, aber auch entkräftet lag Irmchen auf dem
Beifahrersitz. Und während der Tierarzt seinen Wagen über die Ringstraße zur
Ausfahrt nach Manacor lenkte, hob Irmchen immer wieder den Kopf, um zu sehen,
was los war. Es war vergeblich! Der Wagen ruckelte und schuckelte, und das
Kätzchen hatte nicht genügend Kraft, um sich aufzurichten. Nach etwa einer
Stunde bog das Auto in einen Feldweg am Rande von Manacor ein.
»Liebling, schau mal, was ich mitgebracht habe. Es sieht zwar
nicht mehr aus wie eine Katze, aber es ist eine!«
Der Tierarzt schloss den Wagen ab, begrüßte seine Frau, die
am Eingang der weißen Villa stand: »Dieses Häufchen Elend heißt Irmchen und ist
aus Estellencs. Das jedenfalls steht auf einem kleinen Zettel, der in einem
Medaillon steckt, das diese Katze um den Hals trägt.«
Die Frau des Arztes schüttelte den Kopf: »So kenne ich dich!
Jedes kranke Tier bringst du mir nach Hause. Wir werden uns noch mal irgendwann
anstecken.«
Der Arzt hörte die Worte seiner Frau schon nicht mehr. Er war
längst mit Irmchen im Behandlungszimmer, hatte die Katze dort auf einen Tisch
gesetzt. Dann wühlte er im Arzneischrank herum, fand nach Sekunden, was er
gesucht hatte: eine Kortisonsalbe, die in solchen Fällen Wunder wirkt.
Und schon ging das große Einschmieren los. So etwas hatte
Irmchen noch nie erlebt. Von Kopf bis Fuß wurde sie vom Doktor zugekleistert:
hinter den Ohren, im Gesicht, Rücken, Bauch, Pfoten, ja sogar die Schwanzspitze
wurden eingesalbt.
Ständig wollte das kleine Monster stiften gehen und vom Tisch
flitzen. Aber dazu war die Katze zu kraftlos, waren die Hände des Arztes zu
schnell.
Wen die Patientin zum Tischrand hopste, dann warteten die
großen Hände des Arztes dort schon, als könnten sie die Gedanken der Katze
lesen.
Irmchens unfreiwillige Geduld wurde belohnt. Nachdem der Arzt
sie mit Flohpuder eingestäubt und die Ohren geputzt hatte, gab es noch zwei
Spritzen ins Hinterteil. Dann war die Behandlung vorbei. Die kleine Lady aus
Estellencs bekam eine Schüssel voller Wasser und einen Riesennapf mit
Katzenfutter. Alle Meisterköche dieser Welt hätten nichts Besseres zubereiten
können. Irmchen schlug sich den Magen voll, bis sie das Gefühl hatte zu platzen.
Dann verkrümelte sie sich unter dem nächstbesten Schrank und schlief sofort ein.
»Da hast du uns ja was mitgebracht!« Fassungslos, aber
liebevoll blickte Eorenza Portas ihren Mann durch die halb offene Tür an.
»Meinst du, dass du sie gesund bekommst?«
»Klar!« Raffaelo nahm seine Frau in den Arm: »Hätte ich denn
das arme hilflose Geschöpf sitzen lassen sollen? Es hätte doch ohne mich keine
Chance mehr auf dieser Welt gehabt. Nein! Ich musste das Tier retten.«
Die Frau legte die Stirn in Falten: »Aber willst du denn
allen Katzen dieser Welt helfen? Es gibt ja so viele allein auf der Insel. Und
den meisten geht es schlecht. Du kannst nicht für alle da sein!« Lorenza
beobachtete, dass ihr Mann sich wegdrehte. Aber sie bemerkte nicht, dass er
Tränen in den Augen hatte.
Raffaelo verließ den Raum und murmelte, mehr zu sich selbst:
»Aber ich muss ihnen doch helfen, wenn es sonst kein anderer tut. Und soll ich
denn die eine sterben lassen, nur weil ich den vielen anderen nicht helfen
kann?«
Seine Frau hörte nicht, was er sagte, aber sie wusste, was er
empfand, und dafür liebte sie ihn.
Irmchens Leben hatte sich von einem Tag auf den anderen
schlagartig verändert: keine Ängste mehr, weder Hunger noch Schmutz. Irmchen
lebte im Katzenparadies.
Die Villa, die die Portas-Familie mit ihren vier Kindern und
drei Angestellten bewohnte, lag am Standrand von Manacor in einem Park, der von
einer Steinmauer umgeben war. Eine Pinienallee führte zur Villa, die auf einem
kleinen Hügel stand. Überall im Garten wuchsen Orangen- und Feigenbäume, und
Familie Portas ließ die Wiese einfach sprießen, bis sie zu einem Meer von wild
duftenden Blumen geworden war.
Der Familiensitz der Portas hatte etwa zwölf Zimmer, eine
riesige Empfangshalle, Marmorbäder und eine kirschholzgetäfelte Bibliothek. Das
war das Reich des Hausherrn. Hier, zwischen seinen Antiquitäten, alten
Ölbildern, Spiegeln und Schiffsmodellen, fühlte er sich am wohlsten. Stundenlang
konnte er dort sitzen und in seinen alten Bänden lesen. Oft erst spät am
Nachmittag, wenn die Sonne sich den Bergen im Südwesten näherte, trat er vor die
Tür, lief allein durch den Garten. Dann dachte Raffaelo manchmal über sein Leben
nach, die Hetze seiner Jugendzeit, die Rastlosigkeit der frühen Jahre. Hier nun
hatte er endlich Ruhe gefunden und konnte sich seinen Büchern und den Tieren
widmen.
Dr. Portas pflegte schon fünf Katzen, die er aus aller Welt
mitgebracht hatte. Den ganzen Tag konnten sie durch den Garten toben, hinter
Bienen herspringen, Mäuse jagen, sich untereinander balgen oder faul in der
Sonne dösen. Jetzt gehörte auch Irmchen mit zur Familie. Alles war noch
ungewohnt: die Liebe und Zuneigung, die der Katze zuteil wurden, das regelmäßige
Futter, das am Küchenausgang gleich unter dem Fenster stand.
Irmchens Gesundheitszustand besserte sich von Tag zu Tag,
dank der liebevollen Pflege von Familie Portas. Jeden Morgen nach dem Frühstück
musste der schwarze Raufbold die leidige Salb-Prozedur über sich ergehen lassen.
Und oft fuhr Irmchen die Krallen aus, hakte sich im Oberschenkel von Herrchen
Raffaelo fest.
Der Doktor biss jedes Mal die Zähne zusammen und kleisterte
den frechen Familienzuwachs aus Estellencs mit Kortisonsalbe zu. Nach etwa vier
Wochen und unzähligen schmerzhaften Behandlungen war Irmchen die Schuppen, aber
auch das Fell los.
Lachend hielt sich die Frau des Arztes die Hände vors
Gesicht: »Das soll eine Katze sein? Vor der rennt ja jede Ratte davon!«
Irmchen war das hässlichste, was auf der ganzen Insel
herumlief: ein stets vollgefressener Bauch, kugelrund und prall wie ein
Luftballon. Dazu der platte, faltige, haarlose Kopf, die viel zu dünnen Beine
und der immer noch kranke Schwanz.
Doch Dr. Portas liebte dieses kleine Monster. Sonst hätte er
bestimmt nicht die leidige Prozedur des Katzenbadens auf sich genommen. Denn
inzwischen waren sämtliche Katzen krank geworden, hatten sich Irmchens Milben
und Pilze eingefangen. Ihnen ging jetzt das Fell aus, und sie bekamen schuppige
Stellen am Körper. Es war eine Katastrophe!
Alle Katzen mussten in ein Spezialbad. Der Arzt und seine
Frau stellten eine Plastikschüssel in die Badewanne, gossen lauwarmes Wasser
hinein, gaben den braune Anti-Milbenpuder dazu. Und dann waren die Katzen dran!
Sie fauchten und tobten, spreizten die Pfoten, klammerten sich an den
Wannenrändern fest. Sie schlugen ihre Krallen so tief in Dr. Portas' Arme, dass
sie fast ganz im Fleisch verschwanden. Es war eine richtige blutige
Badezimmerschlacht. Die Katzen saßen hernach triefend und zutiefst gekränkt
unter dem Schrank oder unter der Couch. Dr. Portas verband die Biss- und
Kratzwunden, und seine Frau brachte das Badezimmer in Ordnung.
»Liebling, wie oft müssen wir das noch machen?« Sorgenvoll
sah Lorenza Portas ihrem Mann in die Augen.
Ȁh! Na, vielleicht noch drei- oder viermal! Eventuell auch
öfter, je nachdem, wie schnell die Katzen gesund werden.«
Der Tierarzt versuchte, seine Frau friedlich zu stimmen: »Wir
schaffen das ganz bestimmt. Mit der Zeit bekommen wir ja auch Übung!«
Genau darauf war Lorenza nun gar nicht sonderlich versessen.
Manchmal hätte sie ihren Mann mit seinem Katzenfimmel am liebsten vor die Tür
gesetzt. Aber stattdessen nahm sie ihn in den Arm: »Du hast recht! Wir schaffen
das schon.«
Neugierig beobachtete Irmchen triefend und bibbernd aus
sicherer Entfernung die Szene: Ach ja, sie waren schon komisch, diese Menschen.
Erst ersäufen sie einen fast, und dann belohnen sie sich gegenseitig mit
Umarmungen.
Nach zwei Monaten sah Irmchen schon wieder prächtig aus.
Inzwischen fast ausgewachsen, waren die Muskeln voll und kräftig, das Fell dicht
und glänzend. Doch überall, wo Pilz und Milben besonders hartnäckig gewütet
hatten, zeigten sich einzelne silberne Härchen.
Irmchen war ein süßer, frecher Kerl geworden. Sie hockte auf
dem Wannenrand, wenn Herrchen ein Bad nahm und im Wasser planschte. Sie klaute
ihm die Wurst vom Teller, wenn er sich sein Abendbrot machte. Und sie machte
Konfetti aus der Zeitung, noch bevor er die erste Zeile gelesen hatte. Irmchen
war immer bei ihrem Retter. Nachts lag sie in seinem Arm, morgens kitzelte sie
ihn mit ihren Barthaaren. Und wenn Dr. Portas in seiner Bibliothek saß und las,
schmiegte sie sich an seine Beine, sprang auf den Schreibtisch, hüpfte auf den
Schoß, reckte das schwarze Köpfchen und bekam von ihm ein Küsschen auf die Nase.
Dann machte Dr. Portas eine Entdeckung, die schon viel früher
fällig gewesen wäre: Als Irmchen sich in seinem Schoß auf den Rücken drehte, um
sich am Bauch kraulen zu lassen, stieß ihr Herrchen plötzlich einen so lauten
Pfiff aus, dass die Schmusekatze jäh zusammenzuckte und im hohen Bogen
davonjagte.
»Irmchen, du bist ja gar kein Mädchen! Du bist ja ein Junge!
Wieso habe ich das bloß übersehen? «
Dr. Portas schnappte sich die Katze erneut, drehte sie auf
den Rücken: »Tatsächlich, ein Kater! Und was für ein Prachtbursche! Das muss ich
gleich der Familie erzählen!«
Als der Arzt wenig später seiner Frau und den Kindern die
Neuigkeit mitteilte, war schallendes Gelächter die Antwort: »Und du bist
Tierarzt und hast das wochenlang übersehen!«
Der Mann blickte verlegen zu Boden: »Man schaut ja da auch
nicht ständig nach. Aber was viel wichtiger ist: Was machen wir mit Irmchens
Namen? Wir können es doch nicht bei dem Mädchenname belassen?«
Dr. Portas hatte nicht mit dem einstimmigen Veto des Familie
gerechnet. »Es bleibt bei Irmchen! Der Name passt so gut zu dem süßen Biest.«
So avancierte Irmchen zum einzigen Kater Mallorcas, der einen
Mädchennamen trug.
Der Liebling der Familie wurde größer, kräftiger,
stattlicher. Er wurde auch immer cleverer und klüger. Irmchen war intelligent,
hatte eine schnelle Auffassungsgabe. Der Kater begriff, wie man mit einem Sprung
auf die Klinke Türen öffnete. Er lernte, wie man Futterstücke mit beiden Pfoten
fangen konnte, und er wusste bald, dass man einen Brocken Fleisch in Windeseile
beiseite zu schaffen hatte.
Irmchen bekam aber auch mit, dass jenseits der
Grundstücksmauer noch eine Welt war, unendlich weit und bestimmt sehr spannend.
Und eines Nachts, die Familie schlief und der Mond stand hoch am Himmel, drehte
er sich vorsichtig aus Herrchens Arm, hüpfte vom Bett und schlüpfte lautlos
durch die Tür in den Garten.
Der Kater hob den Kopf, schnupperte die frische, kühle
Nachtluft, machte sich auf den Weg. Mit einem Satz war er auf der etwa drei
Meter hohen Mauerkrone, besah sich die Umgebung: Wiesen und Felder, Zitronen-
und Apfelsinenhaine - so weit das Auge reichte. Irmchen wandte sich noch mal um,
blickte zum Haus zurück: Soll ich oder soll ich nicht? Es wird nur ein kleiner
Ausflug sein. Beim Morgengrauen bin ich auf jeden Fall zurück!
Irmchen sprang, landete im Gras vor der Mauer. Überall waren
Geräusche und Bewegungen. Der Wind ließ die Blätter an den Bäumen rascheln,
Vögel flatterten, schwarzen Flecken gleich, am dunklen Nachthimmel. Mäuse und
Ratten huschten durch das hohe Gras.
Der Ausreißer begab sich auf den Weg, durchstreifte die
Umgebung, entfernte sich dabei immer weiter vom Haus. Bald hatte er sein Zuhause
ganz aus den Augen verloren. Die Abenteuerlust hatte ihn gepackt und angesteckt
wie ein gefährlicher Bazillus.
Irmchen spürte ein Kribbeln in den Adern. Alles war so neu
und aufregend, und es nahm überhaupt kein Ende. Es war kurz vor Morgengrauen,
der Stromer hatte sich schon viele Kilometer von der Portas-Villa entfernt, als
er plötzlich eine breite Straße erreichte. Kein Mensch war weit und breit zu
sehen, kein Auto kam, kein Licht eines Hauses schimmerte am Horizont.
Irmchen legte sich an den Straßenrand, um ein wenig
auszuruhen. Der müde Kater war nur kurz eingenickt, als sich in einiger
Entfernung zwei Scheinwerfer durch das Dunkel der Nacht bohrten. Sie gehörten zu
einem kleinen Lieferwagen, der langsam auf der Straße in Richtung Palma rollte.
»Ach, was haben wir schön gesoffen! Hoffentlich machen unsere
Frauen keinen Ärger.« Felipe, er saß hinter dem Steuer, blickte zu seinem
Beifahrer, der erfolglos gegen das Einschlafen kämpfte.
»He, Pedro, wach auf! Wir sind bald in Villafranca und dürfen
die Abfahrt nach Süden nicht verpassen.«
Pedro gähnte, richtete sich mühsam auf, kniff die Augen
zusammen und faselte benommen: »Ich achte auf die Schilder! Pass’ du auf, dass
wir nicht im Straßengraben landen!«
Der Wagen kam immer näher, als Irmchen durch das Geräusch des
Motors aufwachte. Der Kater witterte keine Gefahr. Wieso auch? Er saß sicher am
Straßenrand außerhalb der Gefahrenzone. Was konnte schon passieren?
Plötzlich verlangsamte das Auto seine Geschwindigkeit, rollte
an den Rand, stoppte etwa fünf Meter von Irmchen entfernt. Ein Mann kletterte
leicht schwankend aus dem Fahrzeug: »Pedro, es ist noch so weit bis nach Hause.
Und der Wein drückt. Ich bin sofort zurück!«
Neugierig beobachtete der Kater die Szene, machte einige
Schritte vorwärts in Richtung Auto. Das war ein Fehler! Irmchen hatte eben vor
der offenen Fahrertür Platz genommen, wollte sich recken, um zu sehen, was sich
im Auto abspielte, als Felipe zurückkam.
»He, was bist denn du für ein Säufer, kleiner Kerl. Du hast
wohl kein Zuhause?« Felipe hob Irmchen hoch, besah sich den Kater von allen
Seiten: »Siehst aber gut gepflegt aus! Bist wohl irgendwo abgehauen? Was meinst
du, Pedro, das wäre doch ein ideales Geschenk für meine Tochter Magdalena! «
Irmchen verstand kein Wort. Doch hatte er das Gefühl, dass
sein Lebensweg wieder mal in eine neue Richtung führte.
Der schwarze Streuner landete im hohen Bogen im Wagen.
Rumms machte es, als Felipe Sekunden später die Tür des Autos
zuschmiss, den Gang einlegte und losbrauste. Irmchen saß neben ihm auf der
Mittelkonsole, war noch wie gelähmt vor Schreck. Aber aussteigen war unmöglich!
Also verhielt sich der Kater abwartend, machte den Hals lang und blickte aus dem
Frontfenster. Die Sonne würde bald über den Horizont klettern.
Das erste Morgenlicht ließ die Insel erwachen, als Irmchen
noch einmal und dabei sehr, sehr wehmütig - an sein Herrchen und die Familie
zurückdachte: Ach, wäre ich bloß zu Hause geblieben - einerseits! Aber
andererseits?!
Die Sonne stand zwei Handbreit hoch am Himmel, als der Wagen
mit den beiden Männern und Irmchen in einem kleinen Dorf, fünf Kilometer von El
Arenal entfernt, anhielt. Im Ort herrschte noch Ruhe.
Felipe nahm Irmchen wieder auf den Arm, lief zu seinem Haus.
Es sah aus wie ein Märchenschloss aus der Jugendstilzeit. Das Haus, etwa um die
Jahrhundertwende gebaut, hatte Erker und Türme, war im maurischen Stil errichtet
und schneeweiß.
Irmchen musste sich schon wieder in sein Schicksal fügen. Was
sollte er auch tun? Felipe war offenbar kein schlechter Kerl, Während er durch
das Tor in den Garten der alten Villa trat, kraulte er Irmchen hinter den Ohren.
Der Garten, etwa 100 Meter vom menschenleeren Strand
entfernt, lag im Schatten von alten windschiefen Palmen. Alles war ein wenig
verwildert und heruntergekommen. Nirgendwo waren Menschen zu sehen.
Irmchen hatte inzwischen auf der Schulter von Felipe Platz
genommen, blickte neugierig in den vorgebauten Wintergarten. Etwa zwanzig Tische
standen hier nebeneinander. Die Tischdecken waren vergilbt. Verstaubte Ölbilder
verdeckten die rissigen Tapeten. Und ein riesiger Spiegel baumelte leicht
angeschrägt über dem Kamin aus rotem Marmor. Die ganze Szene erinnerte auf
unwirkliche Weise an den Film »Casablanca«. Wäre in diesem Augenblick Humphrey
Bogart um die Ecke gekommen, man hätte es geglaubt.
Stattdessen kam Salvadore, der »Mann für alle Fälle« im Haus:
»Was soll denn das?« Salvadore zeigte auf Irmchen. »Hier laufen doch sowieso
schon mehr Katzen rum, als unser Hotel Gäste hat.«
Felipe lachte: »Der kleine Ausreißer saß plötzlich neben
unserem Wagen. Ich dachte, er sei eine hübsche Überraschung für Magdalena.«
....
alle Bücher von Alexander
Conradt

Alexander Conradt:
Irmchen
Der schönste Katzenroman der Welt
"...mit dem Hang zum Weltbestseller" (Radio hundert,6)
©1993 3. Aufl., 250 Seiten - 12,5 x 20 cm. - broschiert
ISBN 3-926396-33-4
alle Rechte bei Hubert W. Holzinger Verlag, Berlin
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